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IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Georg Adam Friedrich und seine Familie

1752 - vom Reifenhof nach Philadelphia

Die deutsche Auswanderung in die britischen Kolonien Nordamerikas begann bereits 1683. Ein Schwerpunkt war der heutige Bundesstaat Pennsylvania. Zwischen 1727 und 1775 kamen etwa 65.000 Deutsche im Hafen der Hauptstadt Philadelphia an und ließen sich meist in der Stadt selbst oder in ihrem Umland nieder. Die größte Auswanderungswelle aus Deutschland gab es zwischen 1749 und 1754; der auch in Amerika ausgetragene Siebenjährige Krieg 1756-1763 und der ab 1775 folgende Unabhängigkeitskrieg bewirkte einen deutlichen Rückgang. Ab den 1730er Jahren lockte Nordamerika auch eine beachtliche Anzahl von Menschen aus der Haller Region an. Derzeit lassen sich etwa 110 vor 1800 dorthin ausgewanderte Einzelreisende und Familien nachweisen. Die tatsächliche Anzahl dürfte deutlich höher liegen. Hinweise sind verstreut auf verschiedene Quellen wie Nachsteuerlisten, Amtsrechnungen, Ratsprotokolle, Kirchenregister oder Inventuren und nur durch teils aufwändige Recherchen zu finden. 

 

Ausschlaggebend für Emigranten aus unserer Region könnten Kontakte in die Pfalz gewesen sein, ein  Zentrum der frühen Auswanderung nach Amerika. Reichsstädtische Beamte reagierten auf die ersten Auswanderungsvorhaben noch mit offensichtlichem Erstaunen, zeigten selbst nur geringe Kenntnisse (so ist 1736 von der „Insul Pensilvanien“ die Rede, also einer Insel) und versuchten, den potentiellen Kolonisten ihr Vorhaben auszureden. Rasch aber entwickelte sich aber auch für diese exotischen Vorhaben eine bürokratische Routine. Das wichtigste Anliegen der reichsstädtischen Administration war es nunmehr, die „Nachsteuer“ einzuziehen. Hierbei handelte es sich um eine Steuer von 10% auf alle dauerhaft aus dem Herrschaftsgebiet der Reichsstadt Schwäbisch Hall ausgeführten Vermögen. Ärmeren Reisenden gewährte man gelegentlich einen Nachlass auf die Nachsteuer; manche erhielten ein „viaticum“ (Weggeld) aus der Stadtkasse. 

 

Während für viele Auswanderer des 18. Jahrhunderts nur bruchstückhafte Informationen vorliegen, ist über den aus Wackershofen stammenden Georg Adam Friedrich und seine Familie – auch dank Nachforschungen amerikanischer Nachfahren – etwas mehr bekannt. Georg Adam Friedrich wurde am 17. Mai 1715 in Wackershofen geboren und war das jüngste von elf Kindern des Wackershofener Bauern und hällischen Dorfhauptmanns Georg Michael Friedrich und seiner aus Raibach stammenden Frau Ursula Brenner. Sein Amt weist den Vater als wichtige und vermutlich auch wohlhabende Persönlichkeit aus. Er stand der Dorfgemeinde vor, hatte aber – im Gegensatz zu einem heutigen Bürgermeister – einen nur geringen Gestaltungsspielraum, da die Reichsstadt Schwäbisch Hall ihren Untertanen auf dem Land wenig Freiräume gewährte. Über Kindheit und Jugend Georg Adams ist nichts bekannt, er dürfte in der Schule im Pfarrort Gailenkirchen eine zumindest rudimentäre Schulbildung erworben und auf dem elterlichen Hof gearbeitet haben. Mit 15 Jahren wurde er durch den Tod des am 7. Januar 1730 im Alter von 60 Jahren gestorbenen Vaters zum Halbwaisen.

 

Georg Adam Friedrich war 20 Jahre alt, als er am 26. Juli 1735 in Gailenkirchen heiratete. Seine Braut Anna Magdalena Weber war zwölf Jahre älter als er und am 10. November 1703 als Tochter des „Hausgenossen“  Hans Ulrich Weber in Lemberg geboren worden, einem zu Michelfeld gehörenden kleinen Weiler am Westhang des gleichnamigen Bergs. Wie der Status des Vaters (ein Hausgenosse besaß kein eigenes Anwesen, wohnte zur Miete und verdiente seinen Lebensunterhalt meist als Taglöhner oder einfacher Handwerker) zeigt, kam Anna Magdalena Weber aus ärmlichen Verhältnissen. Wie die Ehe zustande gekommen ist, wissen wir nicht; sie dürfte – wie damals üblich – von den Eltern oder, falls diese bereits tot waren, älteren Geschwistern arrangiert worden sein. Deutlich wird jedenfalls, dass sich das Paar schwer tat, eine gesicherte Existenz aufzubauen. 1736, als mit der Tochter Eva Maria (*10.10.1736) das erste Kind geboren wurde, war Georg Adam Beisitzer auf dem Reifenhof, einem der drei zur Stadtgemarkung gehörenden großen Höfe auf der Hochebene westlich des Kochertals. Der Sohn Johann Friedrich (*14.2.1738) wurde dann in Neuhofen bei Gailenkirchen geboren; der Vater wird hier als „Hausgenosse“ bezeichnet. Für einige Jahre fehlen weitere Angaben. Jakob David (*14.1.1745) ist dann dem Taufbucheintrag zufolge ein Sohn des „Kuttenbekens Bauern auf dem Reiffenhoff“ – demzufolge war der Vater Pächter des Hofs, der dem als Taufpate des Kinds genannten Schwäbisch Haller Bäcker Georg David Rüdinger gehörte. Ein Jahr später, als das jüngste „Söhnlein“ Johann Paul (9.6.1746) in der Unterlimpurger Urbanskirche getauft wurde, wird Georg Adam Friedrich wieder nur als Hausgenosse auf dem Reifenhof bezeichnet.

 

Fast genau sechs Jahre später gehört „Georg Adam Friedrich, Schutzverwandter im Reifenhof, samt Weib und 4 Kinder[n]“ zu einer Gruppe von 15 Einzelpersonen und Familien aus Schwäbisch Hall und dem Umland, „welche nach Neu-Engelland verreißen wollen“. In seiner Sitzung am 17. April 1752 beschloss der Haller Rat, jedem „weggehenden Bürger“ 3 Gulden, einem „anderen Erwachßenen“ (gemeint sind Beisitzer oder Untertanen) 1 Gulden und 30 Kreuzer und jedem Kind 30 Kreuzer „pro viatico“ (= als Weggeld) reichen zu lassen. Speziell an Georg Adam Friedrich ging die Zusage, man wolle ihm „nebst dem viatico seine schuldige 2 Schatzungen auf den Weeg verehren“. Die Rückstände bei diesen gerinfügigen Beträgen – es handelte sich um eine jeweils einen Gulden betragende Steuer – weisen noch einmal auf ärmliche Lebensumstände. Da Georg Adam Friedrich zweifellos auch die Reise nach Amerika nicht bezahlen konnte, dürfte er sich als „indentured servant“ verpflichtet haben, einer Art Knechtschaft auf Zeit. Die Auswanderungskosten mussten diesem System zufolge bei einem Arbeitgeber in Pennsylvania abgearbeitet werden, der diese vorgestreckt hatte. Dies trifft vermutlich auch auf die anderen Auswanderer dieser Gruppe zu. Es ist anzunehmen, dass sie in irgendeiner Form angeworben worden sind, allerdings haben sich in den Quellen keine Hinweise auf derartige Aktivitäten erhalten.

 

Die Haller Gruppe dürfte sich zerstreut haben und mit verschiedenen Schiffen nach Pennsylvania gereist sein. Familie Friedrich erreichte die britische Kolonie mit dem Segelschiff „Phoenix“, dessen Route von Rotterdam über Portsmouth nach Amerika geführt hatte. Dass die Reise alles andere als angenehm war, zeigt sich daran, dass einige Passagiere nach der Ankunft offenbar so krank waren, dass sie das Schiff zunächst nicht verlassen konnten. „George Adam Frederik“ ist in einer langen Liste von Passagieren der „Phoenix“ genannt, die am 2. November 1752 im Gerichtshaus von Philadelphia (vermutlich die 1753 endgültig fertig gestellte, heutige „Independence Hall“) den Treueid auf die britische Krone ablegten. Später scheint die Familie in Colebrookdale gelebt zu haben, heute eine Kleinstadt etwa 80 km nordwestlich von Philadelphia. Hier muss Georg Adam Friedrich bereits um 1755 gestorben sein. Seine Witwe Anna Magdalena heiratete zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt Johann Conrad Böhm, ebenfalls ein deutscher Auswanderer, und  soll 1778 in Colebrookdale gestorben sein. Das älteste der Kinder, Eva Maria, heiratete vor 1759 den deutschstämmigen Jakob Wolfinger, bekam mit diesem fünf Kinder und lebte bis zu ihrem Tod um 1819 im benachbarten Montgomery County. Johann Friedrich, geboren 1738, blieb im Berks County und heiratete um 1763 die aus Deutschland stammende Maria Barbara Gerber. Das Paar hatte elf Kinder, eines davon, Georg Adam, erhielt den Namen seines Großvaters. Johann Friedrich starb um 1811, seine Witwe 1820. Die beiden jüngeren Brüder Jakob David (*1745) und Johann Paul (*1746) schlossen sich im Unabhängigkeitskrieg den Amerikanern an. Auch auf der Gegenseite kämpften Männer aus Hall und der Region. So hatte sich Johann Georg Schreyer aus Haagen als Söldner in einem von den Briten gemieteten Waldeckischen Regiment anwerben lassen und starb 1780 in Pensacola in Florida. Der Haller Jakob Peter Rauscher kam 1777 als Militärchirurg mit brandenburg-ansbachischen Truppen nach Amerika. Johann Paul Friedrich nahm – vermutlich mit einer Milizeinheit aus Pennsylvania – an der Schlacht von Long Island am 27. August 1776 teil, in der die von George Washington geführte „Continental Army“ eine schwere Niederlage gegen die Briten erlitt. Johann Paul gehörte zu den etwa 300 Gefallenen der amerikanischen Seite. Sein älterer Bruder Johann Friedrich war einige Monate früher, im April 1776, in britische Gefangenschaft geraten, scheint aber freigekommen zu sein und nahm bis 1780 am Krieg teil. Er hatte 1767 in der „New Hanover Lutheran Church“ die deutschstämmige Maria Catharina Bock geheiratet und kehrte nach dem Ende seines Kriegsdiensts in das Berks County zurück, wo sie sich niedergelassen hatten. Das Paar hatte fünf Kinder, von denen eines den Namen des älteren Bruders Johann Friedrich, eines den des jüngeren Bruders Paul trug.

 

Text: Daniel Stihler

Quellen:

- StadtA Schwäb. Hall 2/83 (Taufbuch Urban 1733-1787), S. 47, 119, S. 129

- StadtA Schwäb. Hall 4/363 (Ratsprot. 1752), Bl. 145r-147r

- StadtA Schwäb. Hall S27 (Genealog. Karte), KK Friedrich, Georg Adam

- StadtA Schwäb. Hall S01/2207 (Materialslg. Georg Adam Friedrich)

- Landeskirchl. Archiv Stuttgart, MF KB 1407-2, Bd. 3 (Taufregister Gailenkirchen 1706-1806), Eintr. 17.03.1715, 14.02.1738

- Landeskirchl. Archiv Stuttgart, MF KB 1422, Bd. 5 (Eheregister Michelfeld 1699-1791), Eintr. 26.6.1735, desgl. Taufregister 1699-1732, Eintr. 10.11.1703

- William J. Hinke (ed.): Pennsylvania German Pioneers, compiled by Ralph B. Strassburger, vol. 1, Lancaster PA 1934, p. 501-503 [Passagierliste der "Phoenix"]

 

 Abbildung:

 Blick über den Delaware River auf das Philadelphia der Kolonialzeit, der am weitesten links gelegene Turm markiert das damalige „State House“ (heutige „Independence Hall“) wo Georg Adam Friedrich 1752 den Treueid auf die britische Krone ablegte. Ausschnitt aus: An east prospect of the city of Philadelphia; taken by George Heap from the Jersey shore, under the direction of Nicholas Scull surveyor general of the Province of Pennsylvania / engrav'd by T. Jefferys. [London] : Publish'd according to Act of Parliament by T. Jefferys near Charing Cross, [1768], Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C. 20540 USA Reproduction Number LC-DIG-pga-01698

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