Migrationsdatenbank Schwäbisch Hall - Geschichten
Startseite | Info | Geschichten | Kontakt

IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

unerwünschte Steinbacherinnen

1852 - eine Gemeinde exportiert ihre Sozialfälle

Steinbach galt in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts als der ärmste Ort des Oberamtsbezirks. Oberamtmann Adolf von Daniel beschrieb die Lage des Dorfs 1852 folgendermaßen: Dort sei „schon seit längerer Zeit, hauptsächlich aber in den lezten Jahren, ein großer Nothstand eingetreten. Das Grund Eigenthum beträgt nur 428 Morgen Acker, Wiesen und Länder, der Hauptnahrungszweig der Einwohner sind die kleineren Gewerbe und besonders das Maurer Gewerbe, die wie überall zur Ernährung der Familien nicht mehr ausreichen. Liederlichkeit in jeder Form ist in der Gemeinde zu Hause. An der Suppenanstalt, die dermalen eingerichtet ist, nehmen 126 Personen Antheil.“ Die Einnahmen der Gemeinde reichten zur Bestreitung ihrer Ausgaben nicht aus; die vorhandene Hospitalstiftung müsse den Vermögensgrundstock angreifen um ihre Aufgaben in der Armenfürsorge bezahlen zu können. So überrascht nicht, dass  zahlreiche Steinbacher in die USA auswanderten. Während die meisten sich freiwillig auf die Reise machten, gab es auch einige, die offensichtlich von ihrer Heimatgemeinde dazu genötigt wurden.

Man machte sich im Steinbacher Gemeinderat offensichtlich übertriebene Hoffnungen auf staatliche Zuschüsse zu Auswanderungen von sozial schwachen Ortseinwohnern. Im Hintergrund stand die schlichte Kalkulation, dass eine Finanzierung der endgültige Abreise die öffentlichen Kassen billiger käme als die Zahlung von Armenunterstützung über längere Zeiträume - insbesondere dann, wenn der Staat einen großen Teil der Kosten übernehmen würde. Bereits im März 1852 suchte der Gemeinderat um staatliche Beihilfen für die Auswanderung von insgesamt nicht weniger als 47 Personen nach, was aber erst der Anfang sein sollte. Die Ratsherren hofften, „daß es uns möglich wird, unsere ohnedieß in äußerst ärmlichen Verhältnißen stehende Gemeinde nach und nach von Individuen zu säubern, die in Folge ihrer völligen Armuth über kurz oder lang der Gemeinde ganz anheimfallen und die zum Theil wegen ihres ungünstigen Rufes nicht viel Gutes erwarten laßen.“

Zu den für eine Auswanderung vorgesehenen „Individuen“ gehörte Theresie Grün mit ihren vier kleinen Kindern, Ehefrau eines 1851 in die USA „durchgegangenen“ Zimmermeisters. Die im Zuge der Zwangsvollstreckung verkaufte Liegenschaft des Ehepaares sei so überschuldet, dass für die Familie nichts zum Leben bliebe. „Wenn dieser Frau nicht ohne Verzug fortgeholfen wird, dann fällt sie samt ihren 4 Kindern ganz der Gemeinde heim, wie sie dann bereits Unterstüzung aus öffentlicher Casse erhielt.“ Theresie Grün reiste allerdings bereits im März 1852 in die USA ab, wozu sie u.a. auch 100 Gulden aus der Gemeindekasse erhielt.  Zu den nicht nur aufgrund ihrer Armut, sondern auch wegen ihres Lebenswandels unerwünschten Personen gehörte die 34 Jahre alte Louise Hügler, Mutter eines unehelichen Kindes. Sie „führt ein ganz wüstes Leben und wurde schon mehrfach wegen verübter Diebstähle mit Zuchthausstrafen belegt“. Auguste Merz, 33 Jahre alt, hatte mehrere uneheliche Kinder geboren, war „confiniert“ –  d.h. sie stand unter polizeilicher Aufsicht und durfte den Heimatort nicht verlassen –,  „hat bereits 18 Orts-, Bezirks- u[nd] Kreisgefängniß-Strafen erstanden und befindet sich derzeit im Zuchtpolizeihauß in Hall.“ Ihr Bruder, der ledige, 29 Jahre alte  Messerschmied Carl Merz, „ist ein arbeitsscheuer Landstreicher, hat auch bereits 19 verschiedene Strafen,  darunter wegen Betrugs [...] erstanden.“ Josefa Carl, 33 Jahre alt und Mutter zweier unehelicher Kinder, galt als „liederliche Dirne“ und war „wegen Unzuchts-Vergehen schon zweimal bestraft“. Der Maurer Joseph Aßmann hatte bereits elf Haftstrafen abgesessen, „ist confinirt und der bürgerlichen Ehren- und Dienstrechte verlustig, Prädicat ganz schlecht.“ Franziska Schönhut mir ihren 20 Jahren hatte man „wegen Diebstahls und Landstreicherei schon mehrfach bestraft“, auch sie wäre „ganz schlecht prädicirt“.

Zur großen Enttäuschung des Gemeinderats übernahm das württembergische Innenministerium aber lediglich ein Viertel der Kosten. Deshalb konnte man nur einen Teil der ursprünglich dafür vorgesehenen Personen nach Amerika schicken. Nach einigem Hin und Her kam eine Gruppe zusammen, zu der neben Luise Hügler, Auguste Josepha Merz, Carl Merz, Joseph Aßmann, Josefa Carl und Franziska Schönhut noch die 45 Jahre alte, ledige Maria Barbara Osterrieder mit zwei Kindern sowie Katharina Elisabetha Burger mit ihren vier Kindern dazu kamen. Die 37 Jahre alte Witwe eines Uhrmachers und  Tochter eines Haller Metzgers hatte nach dem Tod ihres 1840 gestorbenen Ehemannes zu einer Tochter noch weitere drei uneheliche Kinder bekommen. Es ist kein Zufall, dass man vor allem Frauen mit unehelichen Kindern zur Auswanderung nötigte. Bei einem notleidenden Handwerker konnte man immerhin hoffen, dass er seinen Lebensunterhalt wenigstens teilweise erarbeiten konnte. Demgegenüber musste die Gemeinde davon ausgehen, direkt oder indirekt – über das Steinbacher Spital – für die Versorgung der Frauen bzw. ihrer unehelichen Kinder für längere Zeit aufkommen zu müssen. Dass es allerdings eine große Härte bedeutete, Mütter mit teilweise noch sehr jungen Kindern – so war Conrad Carl ein sechs Monate alter Säugling, Wilhelm Franz Carl Merz ein Jahr, Barbara Carl zwei und Friedrich Carl Ludwig Burger drei Jahre alt – auf eine mühsame und gefährliche Reise und in eine komplett ungewisse Zukunft zu schicken, scheint keine Rolle gespielt zu haben.

 Die nun einschließlich der Kinder 18 Personen umfassende und auf der ersten Etappe vom Steinbacher Gemeinderat Joseph Moser begleitete Gruppe hatte sich am 27. Juni 1852 morgens um 10 Uhr „behufs ihrer Weiterbeförderung“ am Oberamtsgebäude in Heilbronn einzufinden. Zunächst führte der Weg nach Mannheim; von dort erfolgte wohl per Schiff die Weiterreise nach Rotterdam. Hier ergriff der Mitreisende Carl Mohr, ein Sohn des Schulmeisters von Bubenorbis, der als "verdorbener, arbeitsscheuer, frecher und gefährlicher Mensch" galt, die Gelegenheit zur Flucht. Die Steinbacher gingen mit etwa 300 anderen, überwiegend aus Württemberg stammenden Passagieren an Bord des Segelschiffs „Leila“, das am 14. September 1852 in Baltimore anlegte. Wilhelm Franz Carl Merz, der kleine Sohn von Auguste Merz, starb auf der Reise, vermutlich als Opfer der beengten und unhygienischen Verhältnissen an Bord. Mit der Auszahlung eines „Taschengelds“ von fünf Gulden durch den württembergischen Konsul in Baltimore war die Angelegenheit für die Gemeinde und den Staat erledigt, das weitere Schicksal der Auswanderer interessierte nicht und ist unbekannt geblieben.

 

Dokument 1: Liste der für eine Auswanderung auf Staats- und Gemeindekosten in die USA  in Frage kommenden Personen, aus einer Eingabe der Gemeinde Steinbach an das kgl. württembergische Innenministerium vom 7. März 1852
(in HStAS E 143 Bü 516)

[...]
1.Grün, Theresie, Ehefrau des im vorigen Frühjahr bereits dahier durchgegangenen Zimmermeisters Grün, mit ihren noch ganz kleinen 4 Kindern.
Der Erlös aus der bereits verkauften Liegenschaft langt kaum zur Befriedigung der Pfandgläubiger, die nicht bevorzugten Gläubiger erhalten so wenig als die Frau selbst, wenn dieser Frau nicht ohne Verzug fortgeholfen wird, dann fällt sie samt ihren 4 Kindern ganz der Gemeinde heim, wie sie denn bereits auch schon Unterstüzung aus öffentlicher Caße erhielt.

2. Stäudle, Josef, Weber und Musikus, verheirathet, Vater von 5 Kindern im Alter von 16, 11, 12, 5 und 3 Jahren; ganz besiz- und vermögenslos; vermag nicht einmal die nothdürftigsten Lebensbedürfniße für seine Familie anzuschaffen.

3. Bräuner, Gottfried, Taglöhner, verheirathet, Vater von 5 Kindern im Alter von 30, 20, 17, 15 und 12 Jahren; dieser lebt fast noch in ärmlicheren Verhältnißen, hat kaum mehr die erforderlichen Kleider und manchen Tag den lieben Bißen Brod nicht.

4. Hügler, Louise, ledig, 34 Jahre alt, Mutter eines unehelichen Kindes, führt ein ganz wüstes Leben und wurde schon mehrfach wegen verübter Diebstähle mit Zuchthaußstrafen belegt; es steht ihr darum aber auch nur ein ganz schlechtes Prädicat zur Seite.

5. Merz, Auguste, ledig, 33 J[ahre] alt, hat noch ein uneheliches Kind, die früher von ihr geborenen Kinder sind wieder gestorben; ist confinirt, hat bereits 18 Orts-, Bezirks- u[nd] Kreisgefängiß-Strafen erstanden und befindet sich derzeit im Zuchtpolizeihauß zu Hall.

6. Merz, Carl, Meßerschmied, ledig, 29 J[ahre] alt, Broder der Auguste Merz, ist ein arbeitsscheuer Landstreicher, hat auch bereits 19 verschiedene Strafen, darunter wegen Betrugs eine 3wöchige Bezirks-Gefängniß-Strafe erstanden, ist der bürgerlichen Ehren- u[nd] Dienst-Rechte verlustig und ganz schlecht prädicirt.

7. Carl, Josefa, ledig, 22 Jahre alt, Mutter von zwei unehelichen Kindern, liederliche Dirne u[nd] wegen Unzuchts-Vergehen schon zweimal gestraft.

8. Aßmann, Josef, Maurer, ledig, 27 J[ahre] alt, schon 11mal gestraft, ist confinirt und der bürgerlichen Ehren- u[nd] Dienst-Rechte verlustig.

9. Schönhut, Franziska, ledig, 20 J[ahre] alt,wegen Landstreicherei und Diebstahls schon mehrfach bestraft, ist ganz schlecht prädicirt.

10. Hirsch, Peter, Küfer, ledig, 50 Jahre alt.

11. Moser, Franz, Taglöhner, ledig, 37 J[ahre] alt.

Leztere 2 sind zwar nicht schlecht prädicirt, aber bettelarm und fallen voraussichtlich in nicht langer Zeit der Gemeinde zur Erhaltung heim.

12. Mammoser, Magdalena, ledig, 30 Jahre alt, ganz liederliche Dirne und schon wegen Diebstahls bestraft, darum auch schlecht prädicirt.

13. Albert, Katharina, ledig, 29 Jahre alt.

14. Stegmaier, Franziska, ledig, 29 Jahre alt,

15. Fuchs, Marianne, ledig, 26 Jahre alt,

16. Stegmaier, Christine, ledig, 25 Jahre alt,

17. Schwenger, Marie, ledig, 19 Jahre alt.

Die leztaufgeführten 5 Mädchen sind zwar gut prädicirt, ihre Vermögens-Verhältniße sind aber von der Art, dass ihnen fast nichts anderes übrig bleibt, als auswandern.

18. Scheiner, Aaron, Maurer, ledig, 35 J[ahre] alt,

19. Eberhard, Georg, Maurer, ledig, 24 J[ahre] alt,

20. Eisert, Anton, Maurer, verheiratet, Vater von 2 Kindern.

Die leztgenannten 3 Mannspersonen sind ganz arm und in Folge von Arbeits- und Verdienstlosigkeit zum Auswandern gezwingen.

21. Ziegler, Josef, Zimmermann, ledig, 36 J[ahre] alt,

22. Ziegler, Louise, ledig, 28 J[ahre] alt.

Beide müßen von der Amtscorporation erhalten werden und genießen theilweise jetzt schon Unterstüzung.

23. Brodbeil, David, Sattler, ledig, 30 J[ahre] alt,

24. Brodbeil, Wilhelm, Schreiner, ledig, 30 J[ahre] alt.

Beide sind heimathlose Söhne des Regimentstambours Brodbeil zu Comburg; ihre Auswanderung erscheint mehr als wünschenswerth.

Familien, wie die unter No. 3. und 20 beschriebenen, vermögen wir dem Duzend nach zu benennen. Die örtlichen öffentlichen Cassen, wie nicht minder auch die Privaten werden in Beziehung auf die Verabreichung von Geld- und Material-Unterstüzungen so sehr in Anspruch genommen, daß es zu Beiträgen für Auswanderer wenig oder gar nichts mehr langt.
[...]
 

Text und Transkription: Daniel Stihler

 

Quellen:

* Hauptstaatsarchiv Stuttgart (HStAS) E 143 Bü 438

 

Abbildung: Der Hafen Baltimore, das  Ziel der "Leila", um 1863. Illustrated album of Baltimore City. [Baltimore, Md.] : Lithographed by E. Sachse & Co. 104 South Charles St., [1863], Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C., Reproduction Number: LC-DIG-pga-12211
 

Catharina Christina Roscher

1780 - die Enkelin in Amsterdam wird enterbt

Schwere Vorwürfe erhob die Baumeisterswitwe Anna Margaretha Roscher gegen ihre Enkelin. Sie sei von ihr misshandelt, bestohlen, mit Vergiftung bedroht worden. mehr lesen

Johann Adam Schneider

1874 - "es ist ein schreiendes Unrecht"

Immer wieder sahen sich Auswanderer im Vergleich zu daheim gebliebenen Geschwistern benachteiligt - Johann Adam Schneider aus Gailenkirchen zeigte dies dem Vater sehr deutlich. mehr lesen

August und Viktor Schwegler

1849/1854 - die missratenen Brüder des Professors

In einigen Fällen diente die Auswanderung recht eindeutig dazu, die Familie von "schwarzen Schafen" zu befreien. So war es auch bei zwei in Schwäbisch Hall aufgewachsenen Söhnen des Michelfelder Pfarrers Eberhard Schwegler. mehr lesen

noch mehr Geschichten - Ereignisse - Schicksale lesen sie hier