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ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Catharina Christina Roscher

1780 - die Enkelin in Amsterdam wird enterbt

Glaubt man dem 1780 verfassten Testament der Anna Margaretha Roscher, Witwe des Schwäbisch Haller Baumeisters Roscher, dann war ihre um 1780 in Amsterdam in den Niederlanden lebende Enkelin Catharina Christina Roscher eine Gewalttäterin, Diebin, potentielle Giftmischerin und Brandstifterin. Nachforschungen können diese schweren Vorwürfe nur teilweise aufhellen, lassen aber Einblicke in die Familienverhältnisse des für Schwäbisch Hall bedeutenden Baumeisters, Malers, Kartografen und Vermessers Johann Michael Roscher (1724-1762) zu. Zahlreiche von ihm gezeichnete Landkarten und Baupläne haben sich im Stadtarchiv erhalten, und von ihm gefertigte Deckengemälde schmücken bis heute die Hospitalkirche und mehrere Haller Bürgerhäuser.

 

Georg Michael Roscher, der Vater der angeblichen Gewalttäterin, war 1724 als ältestes Kind des aus Rotenburg ob der Tauber stammenden und dort wirkenden Baumeisters Johann Michael Roscher und der Anna Margaretha geb. Englert geboren worden. Der Sohn eines Stukkateurs und die Tochter eines Schuhmachers aus Obereisenheim hatten 1723 geheiratet. Von den fünf jüngeren Geschwistern Georg Michaels überlebte nur der 1726 ebenfalls in Rothenburg geborene jüngere Bruder Christian Friedrich die Kindheit. Johann Michael Roscher siedelte etwa 1729 nach Schwäbisch Hall über, wo er als Maler, Stuckateur, Baumeister und Vermesser tätig war. Sein Hauptwerk ist das 1737/38 geschaffene Deckengemälde der Hospitalkirche. 1743 wurde er zunächst auf Probe zum Baumeister und Brunneninspektor ernannt.

 

Georg Michael Roscher erlernte bei seinem Vater die Malerei und andere Künstlerarbeit, absolvierte aber auch eine Schreinerlehre. Nach vollendeter Lehrzeit begab er sich auf die übliche Handwerkerwanderung, während der er in Ansbach und Augsburg seine Kenntnisse u.a. im Malen und Kupferstechen erweiterte. 1752 ließ er sich in Fürth nieder und heiratete dort die wohl aus Nürnberg stammende Anna Maria Knapp. Kurzzeitig lebte er in Schillingsfürst, der Residenz einer Nebenlinie der Fürsten von Hohenlohe. Hier versuchte er sich als „Ebenist“ (Silbertischler), flüchtete dann aber 1759 vor seinen Gläubigern nach Schwäbisch Hall. Auch hier lebte die Familie offensichtlich in ärmlichen Verhältnissen. 1761 suchte er um die Aufnahme in den Schutz der Stadt nach, konnte aber das dafür fällige „Schutzgeld“ von jährlich 3 Gulden nicht bezahlen. 1762 bat er um den Erlass seiner inzwischen auf 9 Gulden angewachsenen Schutzgeldschulden. Man bewilligte ihm einen Rabatt von 3 Gulden, den Rest sollte er aber bezahlen und für die Zukunft habe sein Vater zu bürgen. Georg Michael Roscher werden einige unsignierte, gemalte Raumdekorationen zugeschrieben, die er in der kurzen Zeit seines Aufenthalts gefertigt haben soll. Sie sind aber alle nicht signiert. Am 19. September 1762 starb Georg Michael Roscher plötzlich im Alter von 38 Jahren, nachdem er einige Tage lang an einer „schmerzhafften Colica“ gelitten hatte. Der Verstorbene, so der Pfarrer im Nekrolog, habe zwar in die Forderungen des Christentums „gute Einsicht“ gehabt, setzte dies aber nicht in die Praxis um, er hatte einen „leichten Sinn, wie sein Wandel nur allzu deutl[ich] zu erkennen gab“. Angesichts des nahenden Todes habe er dann „als ein Fluchwürdiger aber nun bußfertig und Gläubiger“ die göttliche Gnade erfleht.

 

Seine Witwe stand nun mit zwei Söhnen und einer Tochter allein da und war mit einem weiteren Kind schwanger. Ob sie im Haushalt der Schwiegereltern bzw. (nach dem Tod des Baumeisters Johann Michael Roschers im Jahr 1763) der Schwiegermutter in der Brüdergasse gelebt hat, ist nicht bekannt, wäre aber naheliegend. Am 1. Januar 1763 wurde ihre Tochter Maria Rosine getauft, mit der Anna Maria Roscher beim Tod ihres Mannes schwanger gewesen war. Das 1761 in Schwäbisch Hall geborene „Söhnlein“ Johann Christoph Friedrich starb am 18. Januar 1768.

 

Mit Hilfe „ihrer Schwiger“ (der Schwiegermutter oder  Schwägerin), die ihr offenbar 200 Gulden lieh, erwarb Anna Maria Roscher am 19. August 1766 die Hälfte eines Hauses in der Langen Straße. Allerdings konnte sie lediglich 10 Gulden anzahlen, 190 Gulden sollten in einem Vierteljahr folgen, der Rest sollte als mit 5% zu verzinsende Schuld bei den beiden Verkäufern Georg Heinrich Seyboth und Johann Heinrich Schwarz stehen bleiben. Zwei Jahre später verließ sie Schwäbisch Hall. Am 5. Juli 1768 verkaufte sie ihren Hausanteil für 450 Gulden an den Beisitzer Johann Georg Blank. Dieser verpflichtete sich, den Kaufpreis innerhalb eines Vierteljahres bar zu erlegen. Außerdem erhielt die Verkäuferin einen „Laubtaler“ (eine in Frankreich geprägte Silbermünze zu sechs Livres) für sich selbst und einen „Laubgulden“ (ein halber Laubtaler) für jedes ihrer beiden Kinder. Dass nur noch zwei Kinder erwähnt werden, deutet darauf, dass die 1763 geborene Maria Rosine offenbar mittlerweile gestorben war - ein Totenbucheintrag war allerdings nicht aufzufinden. Am 5. August 1768 erschien Anna Maria, „Georg Michael Roschers, Mahlers Wittib“, auf der Steuerstube und gab an, „daß sie nach Nürnberg zurück gehe“. Sie nehme 250 Gulden vom Kaufschilling ihres Hauses mit, die anderen 200 Gulden nähme „ihre Schwieger“ zurück, „welche sie ehmals zu Erkaufung des Haußes dargeliehen“. Auch „Mobilien“ im Wert von etwas mehr als 32 Gulden führte sie mit sich, so dass sie (über Rotgerber Kempf) 30 Gulden, 2 Schilling und 6 Heller (gemeint sind wohl Kreuzer) Nachsteuer zu bezahlen hatte. Hierbei handelte es sich um eine Steuer, die fällig wurde, wenn Vermögenswerte dauerhaft aus der Stadt verbracht wurden.

 

Hinweise auf das weitere Leben der Witwe und ihrer beiden Kinder ergeben sich aus Briefen, die im Zusammenhang mit der Inventur der Großmutter 1780 verfasst wurden. Anna Maria Roscher muss nach dem Wegzug nach Nürnberg eine weitere Ehe mit dem Schreiner Andreas Gasser eingegangen sein, da dieser sich 1780 als Stiefvater von Johann Georg und Catharina Christina bezeichnet. Über seine Herkunft sowie Ort und Datum der Eheschließung ist nichts bekannt. Offenbar ist zumindest der Stiefvater mit den beiden Kindern in die Niederlande gezogen. Andreas Gasser war im Juni 1780 „Schrein Wercker auf dem Neuen Haffen“ in Gouda in den westlichen Niederlanden. Ob Anna Maria Roscher bzw. Gasser zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war, ist unbekannt, da sie weder in der Inventur, noch in den Briefen erwähnt wird. Johann Georg Roscher lebte als Schreinergeselle ebenfalls in Gouda, und Catharina Christina hatte mittlerweile einen aus Marburg an der Lahn stammenden Bäckermeister reformierter Konfession namens Stibinger oder Stübinger geheiratet, mit dem sie in Amsterdam lebte.

 

Dass Anna Margaretha Roscher gegen diese Enkelin eine intensive Abneigung hegte, zeigte sich, als sie am 10. Februar 1780 ihr Testament diktierte. Sie war Analphabetin und konnte nicht selbst schreiben – für eine Stadtbürgerin eher untypisch. Dem Enkel Johann Georg, Schreinergesellen in Gouda, billigte sie ein Legat von 130 Gulden zu. Damit läge er immerhin über dem Pflichtteil, und bekomme mehr, als er „aus seiner bewegenden Ursachen“ verdiene. Auch er hatte also den Zorn der Großmutter erregt, aber nicht so sehr, dass er völligt enterbt wurde. Demgegenüber war es ein „ohnumzustoßender Wille und welcher ich genauest gehalten wissen will, daß ermelte Catharina Christina von dieser meiner wenigen Verlassenschaft gänzlich ausgeschlossen“ werde. Sie sei mit einem „Juden-Purschen“ durchgebrannt und hätte ihn auch geheiratet. Weiterhin habe sie die Großmutter „blutig und zwar recht oft geschlagen, zu Boden geworffen und mit einem Scheit Holz überloffen“. Dann habe sie „ehr als einmal sich verlauten lassen, mich Großmutter mit einem weißen Pülverlein aus dem Weg zu räumen“. Schließlich habe die Enkelin sie und andere bestohlen und „sich erfrechet, mit Feuer in meinem Hauß Unglük anzustiften“. So hätte sie mit einem glühenden Eisen einen Kasten aufgebrochen, „so daß das verbrannte Holz in Menge dagelegen“. Endlich habe Catharina Christina in der Holzkammer Schwefelhölzlein und anderes Werkzeug zur Brandstiftung abgelegt. Für alle diese Vorwürfe gäbe es Zeugen, die sie auch benannte. Drei Monate nach der Abfassung ihres Testaments starb die Baumeisterswitwe am 21. Mai 1780 im Alter von 78 Jahren.

 

Vier Tage später fertigten die Teilungsdeputierten und Ratsherren Stellwag und Engelhard eine Inventur über den Besitz der Verstorbenen an, um eine Teilung des Nachlasses in die Wege zu leiten. Der Wert des Vermögens – abzüglich der Verbindlichkeiten wie dem Legat an Johann Georg – belief sich auf immerhin 849 Gulden. Haupterben waren Carl Franz Roscher und Euphrosina Roscher, die Kinder des ebenfalls verstorbenen jüngeren Sohns Christian Friedrich Roscher, Barbier in Schwäbisch Hall. Der mit der Wahrnehmung der Interessen der beiden anderen Enkel beauftragte Prokurator Bonhöffer schickte ihnen eine Abschrift des Testaments in die Niederlande und erreichte immerhin Johann Georg Roscher in Gouda. Dieser verzichtete, um „allen Proceß und Weitläuffigkeiten zu vermeiden“, auf einen Einspruch gegen die großmütterlichen Dispositionen. Er betonte allerdings, „daß ich mich mit nichts gegen meiner  seel[igen] Frau Großmutter verschuldet habe, und hoffe, daß ich auch sowohl ein ehrliches und redliches Enckel als die andern 2 seye". So übergab man im Juni 1780 die Hinterlassenschaft der Verstorbenen an die Haupterben. Dies war allerdings von der Einschränkung begleitet, „daß wann besagte Catharina Roscherin hiehero komme und an besagtes Vermögen einige Ansprache machen wollte, sie derselben dißfalls jederzeit tenent seyn sollten.“                  

 

Wie Catharina Christina in Amsterdam auf die massiven Vorwürfe der Großmutter reagiert hat, ist nicht bekannt, denn schriftliche Aussagen von ihr haben sich nicht erhalten. Ihr Bruder war sich sicher, „daß sie grausam erschrecken wird, wenn ich ihr die Briefe sehen lasse.“ So lassen sich zum Wahrheitsgehalt der Beschuldigungen nur Vermutungen anstellen. Eindeutig falsch war die Behauptung, die junge Frau habe einen Juden geheiratet. Man kann vermuten, dass es sich hier nicht um einen Irrtum, sondern um eine bewusste Unwahrheit handelte, denn Catharina Christinas Bruder, auf den sich Anna Margaretha Roscher berief, widersprach mit großer Bestimmtheit. Offen muss bleiben, ob es die Drohungen und gewaltsamen Angriffe auf die Großmutter gegeben hat. Eigentlich hätte ein solches Verhalten Ermittlungen und Bestrafung durch den Rat nach sich ziehen müssen. In den Ratsprotokollen ließen sich aber keine Hinweise darauf finden. Es wäre denkbar, dass Anna Margaretha Roscher aus Rücksicht auf die Familienehre oder das Ansehen ihres verstorbenen Sohns auf öffentliches Aufsehen verzichten wollte. Allerdings scheinen auch die Teilungsdeputierten gewisse Zweifel an den Vorwürfen gehegt zu haben. So zumindest kann man die Bemerkung verstehen, dass die beiden Haupterben für Ansprüche der Kusine an das großmütterliche Erbe einzustehen hätten, wenn sie denn geltend gemacht würden. Letztendlich sind hier nur Vermutungen möglich. Es könnte diese Angriffe und Drohungen tatsächlich gegeben haben, vielleicht wurden sie aber auch aufgebauscht oder komplett erfunden. Im Hintergrund könnten z.B. Streitigkeiten zwischen der Baumeisterswitwe und ihrer Schwiegertochter und damit direkt oder indirekt den beiden Enkeln gestanden haben. Anna Maria Roscher war zumindest zeitweilig auf finanzielle Unterstützung durch die Familie ihres Mannes angewiesen - eine Konstellation mit erheblichem Konfliktpotential. Auch der Wegzug nach Nürnberg im Jahr 1768 lässt sich als indirekter Hinweis auf ein dauerhaftes und tief gehendes Zerwürfnis mit der Schwäbisch Haller Verwandtschaft bzw. der Schwiegermutter verstehen.

 

Genaueres wird sich kaum herausfinden lassen, denn Catharina Christina Roscher scheint sich – aus welchen Gründen auch immer – mit der Enterbung abgefunden zu haben. Ihr Bruder Johann Georg Roscher, mittlerweile Schreiner in Leyden, kehrte 1782 zumindest kurzzeitig in seine ehemalige Heimatstadt zurück. Laut einem Verzeichnis über die Bezahlung der Nachsteuer „entrichtet Joh[ann] Georg Roscher, Schreiner, gegenwärtig in Leyden in Holland, welcher auf Absterben seiner Grosmutter ... an Legat 150 fl erhalten hat“ am 15. März 1782 die fällige Steuer von 13 Gulden und 26 Schilling. Damit verschwinden diese beiden Enkel des Baumeisters Roscher entgültig aus den Quellen des Stadtarchivs. Angaben zu ihrem weiteren Leben lassen sich vermutlich noch in niederländischen Archiven finden.

 

Dokument 1: Auszug aus dem Testament der Anna Margaretha Roscher vom 10. Februar 1780 (enthalten in StadtA Schwäb. Hall 14/3683)

 

„Betreffend hingegen meines verstorbenen Sohns Schreiners namens Georg Michael hinterbliebenens zweytes Kind und Schwester von dem obigen Johann Georg zu Gauda, mit Namen Catharina Christina, so sich in Amsterdamm aufhalten und sich an einen mit ihr von Fürth aus fortgezogenen Juden-Pursch nach der Aussage ihres eigenen Bruders verheirathet haben solle, so ist Vierdtens mein ohnumzustoßender Wille und welcher ich genauest gehalten wissen will, daß ermelte Catharina Christina von dieser meiner wenigen Verlassenschaft gänzlich ausgeschlossen werde, wie ich dann sie Catharina Christina davon hiermit völlig, auch nicht den Pflichtteil ausgenommen, ausschließe, exheraeditire und enterbe, und zwar aus nachfolgenden, in Rechten gegründeten Ursachen:
1.) und hauptsächlich, massen sie mich ihr Großmutter blutig und zwar recht oft geschlagen, zu Boden geworffen und mit einem Scheit Holz überloffen, ja sogar
2.) mehr als einmal sich verlauten lassen, mich Großmutter mit einem weißen Pülverlein aus dem Weg zu räumen.
3.) mir und anderen Personen zum Beyspiel der Frau Dr. Brakenhöferin gestohlen, so daß ich lezterer des Ersazes wegen biß dato noch ein Capital von 130 fl verzinsen muß.
4.) sich erfrechet, mit Feuer in meinem Hauß Unglük anzustiften, massen sie mit einem glühenden Eisen den Kasten in meiner Kammer vorsezlich erbrochen, so daß das verbrannte Holz in Menge dagelegen, nicht weniger in die Holz Kammer Schwefelhölzlein nebst anderen zum Feuer Einlegen gehörigen Sachen zu verstecken, wie solches alles des jungen Schreinermeister Sommers Ehefrau von ihrem ledigen Stand her, desgleichen des Stärkmacher Renners Schwester nebst ihrer Tochter, als welch beede noch in meinem Hauß gewohnet, dann des Weißgerber Scheuen Tochter, die gewesene Spital Köchin, eidlich bestättigen können und müßen.“

 

Dokument 2: Brief des Schreinergesellen Johann Georg Roscher in Gouda (Niederlande) an Andreas Freydank, Schreinermeister in Schwäbisch Hall, vom 15. Juni 1780 (enthalten in StadtA Schwäb. Hall 14/3683)

 

„Gauda, den 15ten Junii 1780
Hochzuverehrender Herr Meister Freydanck,Dero hochedles Schreiben haben wir zu Recht erhalten den 14ten Junii und haben daraus ersehen, daß unsere Frau Großmutter von der Zeitlichkeit in die Ewigkeit gegangen seye, welches wir von Herzen bedauern, doch aber wird unser liebe[r] Herr Heiland eine seel[ige] Ruhe geben ihr, mithin so will ich auch zu wissen machen, meiner wohledlen Herrn und Freunden, daß ich aus dero werthen Schreiben vernommen habe, daß unsere seel]ige] Frau Großmutter so ein ehrbares Testament habe gemacht, welches ich mir doch nicht hätte vorgestellt, daß es also ausfallen sollte, worüber ich ganz bestürzet bin, und zumalen von wegen meiner Schwester Catharine, daß sie ganz und gar ausgeschlossen seye, und von wegen den Juden Bursch von Fürth, da weiß ich kein Wort darvon und es ist auch keine Wahrheit, denn ich habe auch eine Zeit in dem Amsterdam gewerkt und habe auch bey meinem Schwager logirt, daher ich wohl guth wissen kan, vor was für einer Freundschafft oder Famille er ist, der meine Schwester geheirathet hat. Vor das erste weiß ich, daß er ein Bäkher ist, Zweitens kenne ich auch seine leibliche Geschwistert und weiß, von was vor einem Plaz daß er gebürtig ist, nemlich von Marburg aus Hessenland, sein Vatter ist auch ein Brodbacker und Statts Kornmesser darbey und sein von reformirter Religion mit Namen Stibinger, also kan ich versichern, daß diese Sachen nicht wahr seyn, wie sie gemeint haben, was aber in dem Schwäb[isch] Hall geschehen ist, da kan ich nicht sprechen, solt es also geschehen seyn, so kan ich nicht darvor und ist mir auch von Herzen leid, daß es so gegangen hatte, als wo vor mich auch kein Profit ist, ich habe auch vor dißmal meiner Schwester von dero edles Schreiben noch nichts offenbahret, denn ich weiß, daß sie grausam erschrecken wird, wenn ich ihr die Briefe sehen lasse mit Gelegenheit, auch habe ich vernommen, daß ich ein Capital von 130 fl überkomen sollte, welches mich sehr verwundern solle, daß es so in kurzer Zeit so viel gemindert hat, doch danke ich meinen lieben Gott um dieses, was er mir zuschickt, und ich denke auch, daß ich mich mit nichts gegen meiner  seel[igen] Frau Großmutter verschuldet habe, und hoffe, daß ich auch sowohl ein ehrliches und redliches Enckel als die andern 2 seye, bin. Also wollte ich gebetten haben, dero hochedle und hochgebietende Herrn Herrn und Freunde, daß sie mögten ihr Gewissen in Acht nehmen, denn in solchen Urtheilen über Wittwen und Waysen können die Obrigkeiten Himmel und Höll verdienen, mithin also, wie ich vernommen habe, so seyn sie an das inventirn oder schätzen von Hausrath oder Mobilien und was von denselben auf mich kommt, so bitte ich, daß sie es in gute Verwahrung stellen, bis ich und mein Schwager selbsten kommen, die Sachen zu untersuchen von diesem Jahr und ich wollte auch bitten, daß sie mir mögten ein Copie von des Inventario zu schicken, solang was vor Stücke auf mein Part gekommen ist, und auch darbey zu wissen machten, bis wenn daß ich meine Sachen kriegen kan, dieweilen ich mein Brot in fremden Landen suchen muß, denn in Schwäb[isch] Hall werde ich nicht absterben, wenn ich es nur einmal noch besucht habe, also schließe ich meine Zeilen und erwarte eine baldige Rükantwort, denn ich weiß nicht, wie lang ich in der Gauda verbleibe, ich bin gesinnt, nacher Rotterdamm in Arbeit zu kommen, also
mithie verbleibe ich ihr getreuer Freund
Johann Georg Roscher
zu Gauda
Schreinwerckers Gesell“

 

Dokument 3: Undatierter Brief von Andreas Gasser, Schreiner am Neuen Hafen in Gouda an Prokurator und Notar Bonhöffer in Schwäbisch Hall (enthalten in StadtA Schwäb. Hall 14/3683)

 

„Meine Hochedle Herrn und Freunde!
Ich bitte mir nicht übel zu nehmen über meiner auch beygelegten baar Zeilen sie zu begrüßen, in deme ich als ein Stiefvatter über diese 2 Kinder mich auch ihrer schuldig bin anzunehmen, als wollte ich auch vor sie bitten, meine hochedle und hochachtbare Herrn und Freunde, daß sie das rechte und redliche Maaß möchten gebrauchen, denn wie man ausmisset, so wird einem wiederum eingemessen, wiederum laut ein Sprüchworth, ein unrechter Pfennig nimmt zehen andere mit weckh, auch haben wir vernommen von dero Edlen Schreiben, daß sie von uns einen Proceß verwarten, ich hoffe aber, daß wenn Sie mit Recht und Gerechtigkeit ausführen, so haben wir nicht nöthig, unser weniges durch einen Proceß zu verschwenden, hinführo hoffen wir von Ihnen das Beste und verwarten so bald es möglich eine Antwort, und verbleibe Dero Freund
als auch wider die Adreß
Andereas Gaßer
Schrein Werckher auf dem neuen Haffen de Gouda“

 

Text und Transkription: Daniel Stihler

 

Literatur:

 

* Ludwig Schnurrer: Die Malerfamilie  Roscher in Rothenburg und Schwäbisch Hall, in: Die Linde 88 (2006), S. 66-70, 74-79, 87-88 (hier weitere Literaturverweise)

 

Quellen:

 

* StadtA Schwäb. Hall 2/37 (Totenbuch St. Katharina 1775-1793), S. 100 (Nekrolog Anna Margaretha Roscher)
* StadtA Schwäb. Hall 2/75 (Totenbuch St. Michael 1738-1762), Bl. 549V (Nekrolog Georg Michael Roscher)
* StadtA Schwäb. Hall 2/36 (Totenbuch St. Katharina 1763-1775), Bl. 59R (Nekrolog Johann Michael Roscher).
* StadtA Schwäb. Hall 4/381 (Ratsprot. 1781), Bl. 37R
* StadtA Schwäb. Hall 4/383 (Ratsprot. 1782), Bl. 42R-V u.a.
* StadtA Schwäb. Hall 4/685 (Kaufbuch 1762-1768), Bl. 855V (Verkauf des Hauses in der Langen Straße).
* StadtA Schwäb. Hall 4/2089 (Veranlagungen zur Nachsteuer), Bl. 98V (Nachsteuer Anna Maria Roscher, 1768), Bl. 127R (Nachsteuer Johann Georg Roscher, 1782).
* StadtA Schwäb. Hall 13/1037 (Verkauf eines Hauses in der Langen Gasse an Anna Maria Roscher, 1766)
* StadtA Schwäb. Hall 14/3683 (Inventur der Anna Margaretha Roscher mit Testament vom 10.2.1780)
* StadtA Schwäb. Hall S27 (Genealogische Kartei)

 

Abbildung:

Amsterdam und Umgebung auf einer kolorierten Karte der Niederlande um 1740 aus: Matthäus Seutter: Atlas Novus sive Tabulae Geographicae Totius Orbis Faciem..., Augsburg 1740 (im StadtA Schwäb. Hall)

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