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IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Friedrich Breyer

1890 - der Bruder verschwindet

Mit nur einem Tag Abstand starben im September 1903 in Schwäbisch Hall die 64 Jahre alte Barbara Breyer und ihr Ehemann, der Eisenbahnwärter Georg Friedrich Breyer, der  67 Lebensjahre erreicht hatte.  In den Nachlassakten finden sich nicht nur Hinweise auf drei in die USA ausgewanderte Kinder, sondern auch auf ein bis heute ungelöstes Rätsel. Das aus dem Haller Umland stammende Paar – er kam aus Uttenhofen, sie aus Tüngental – hatte 1868 in Schwäbisch Hall geheiratet: Magdalena Barbara brachte ihre damals sechs Jahre alte uneheliche Tochter Caroline Margaretha (*1862 in Tüngental) mit in die Ehe. Das Catharina genannte Mädchen führte zwar später den Familiennamen Breyer, war aber offenbar keine leibliche Tochter Georg Friedrichs, da sie in der Nachlassakte lediglich als mögliche Erbin der Mutter Erwähnung findet. Als erstes gemeinsames Kind wurde 1869 in Heilbronn der Sohn Georg Friedrich geboren, die jüngeren Geschwister Georg Christian Friedrich (*1872), Marie (*1874) und Lina (*1880) kamen in Schwäbisch Hall zur Welt. Über Kindheit und Jugend Friedrichs ist nur bekannt, dass er vermutlich das Handwerk eines Metzgers erlernte. Friedrich Breyer reiste im Alter von nur 15 Jahren zusammen mit seiner sieben Jahre ältere Halbschwester mit dem vom „Norddeutschen Lloyd“ betriebenen Dampfer „Fulda“ nach New York, das die beiden am 1. November 1884 erreichten. Auf ihre württembergische Staatsbürgerschaft haben sie offenbar vor der Ausreise nicht verzichtet. Friedrich holte dies 1892 in den USA nach.

Katharina, die sich nun „Katie“ nannte, heiratete 1886 den Buchhalter und Kaufmann Adolph Boxer. Der 1862 in Wien geborene Österreicher war 1882 mit der „Rheinland“ von Antwerpen nach New York gereist und nahm 1890 die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Dem Zensus von 1900 zufolge lebte das Paar in der 321 8th Street in Manhattan und hatte sieben Kinder, von denen Arthur (12 Jahre), Mathilda (10 Jahre) und Martha im Haushalt lebten. Fünf Jahre später wird noch der ältere Sohn Otto erwähnt, der 1905 18 Jahre alt war. Die gebürtige Tüngentalerin erreichte jedoch kein hohes Alter. Sie starb am 21. September 1907 im Alter von nur 45 Jahren in New York. Ihr Mann überlebte sie um viele Jahre, ging eine zweite Ehe ein und starb 1929 in Queens.

Friedrich Breyer – nun genannt „Frederick“ – ließ sich um 1899 in Hastings-on-Hudson nieder, einem wenige Kilometer nördlich von New York gelegenen Ort am Hudson River mit einer damals bedeutenden Steinbruch- und Kabelindustrie. Hier heiratete er die aus Sachsen stammende und mit ihrer Familie als Kind in die USA ausgewanderte Maria Nolte (ihr Familienname wird teilweise auch mit „Demler“ angegeben). Das Paar hatte ein Kind, den 1900 geborenen Sohn Frederick jun. In der Spring Street 3, später im benachbarten Haus Nr. 5, betrieb die Familie eine als „Prospect Market“ bezeichnete Metzgerei. Das Geschäft muss gut gelaufen sein und dem Ehepaar einen zumindest bescheidenen Wohlstand beschert haben, denn Friedrich erwarb bereits in den 1910er Jahren ein als Lieferwagen genutztes Automobil - damals noch eine Besonderheit. 1904 erhielt er 189,77 Mark aus dem Nachlass der im Jahr zuvor verstorbenen Eltern. Bevor dieser Betrag in die USA transferiert werden konnte, musste allerdings erst eine gerichtlich verfügte Vermögensbeschlagnahme aufgehoben werden. Hintergrund war, dass Friedrich Breyer vor Ableistung seiner Wehrpflicht nach Amerika gereist war und deshalb für die württembergischen Behörden als Deserteur galt. Mit dem Nachweis des Austritts aus der württembergischen Staatsbürgerschaft entfiel diese Beschlagnahme. Trotz nachlassender Sehkraft arbeitete Frederick Breyer, bis er um 1920 den Betrieb verkaufte und sich zur Ruhe setzte. Fünf Jahre später starb er. Ein Nachruf nennt ihn „one of Hastings most remarkable men“ (einen der bemerkenswertesten Männer von Hastings), da er sein Handwerk trotz schließlich völliger Blindheit ohne erkennbare Beeinträchtigung weiter ausgeübt habe. Seine Frau, ein aktives Mitglied der deutsch-lutherischen St. Mathew’s Church in Hastings, überlebte ihn um 14 Jahre, lebte bei der Familie ihres Sohns und starb 1939.

Das einzige erhaltene persönliche Zeugnis Friedrich Breyers hat jedoch nicht mit dieser nicht untypischen Auswandererbiografie zu tun, sondern mit einem bis heute nicht gelösten Rätsel. Friedrichs jüngerer Bruder Christian, ein gelernter Bäcker, folgte dem Vorbild des älteren Bruders und der Halbschwester und wanderte ebenfalls in die USA aus. Am 10. April 1889 erfolgte die Entlassung aus der württembergischen Staatsangehörigkeit „behufs Auswanderung nach Amerika“. Zwar lässt Christian Breyer sich in den Passagierlisten von Auswandererschiffen nicht identifizieren. Erreicht hat er die Metropole am Hudson jedenfalls. Hier ist er, so eine eidesstattliche Erklärung Friedrichs, im August 1890 „vollständig und spurlos verschwunden, ohne irgend welche Lebenszeichen von sich zu geben“. Alle Versuche, den verschwundenen Bruder zu finden, blieben erfolglos, weshalb die Vermutung nahe lag, „dass ihm derzeit ein Unglück zugestossen sein muss, wobei er sein Leben verlor.“ An diesem Sachstand hatte sich 13 Jahre später nichts geändert. Deshalb wurde Christian Beyer durch einen Beschluss des Amtsgerichts Hall vom 9. Mai 1904 für tot erklärt. Auch mit den heutigen Recherchemöglichkeiten konnte kein Hinweis auf sein Schicksal gefunden werden.

Dokument: Eidesstattliche Erklärung von Friedrich Breyer über das spurlose Verschwinden seines jüngeren Bruders Christian Breyer vom 13. Oktober 1903
    
Stadt & Staat New York S.S.

Frederick Breyer wird beeidet und schwört wie folgt:
Ich bin in Hall (Schwäbisch) Würtemberg geboren am 16ten Februar Eintausenachthundert und neun und sechzig, gegenwärtig wohnhaft seit den letzten vier Jahren in Hastings am Hudson im Staat New York, U.S.A., und betreibe daselbst ein Fleischergeschäft.
Der Ehe meiner Eltern Michael Breyer & Barbara Breyer entsprangen folgende Kinder: Katharina, Friedrich, Christian, Marie und Lina. Meine Schwester Catharina verehelichte Boxer wohnt gegenwärtig in 101 St[ree]t Mark Place, Stadt und Staat New York, U.S.A. und meine Geschwister Marie Hannemann geb. Breyer und Lina Breyer wohnhaft gegenwärtig in Württemberg, Deutschland.
Mein Bruder Christian Breyer wurde von mir und von meiner Schwester Catharine Boxer geb. Breyer seit August eintausendachthundert und neunzig nicht gesehen und ist von jener Zeit vollständig und spurlos verschwunden, ohne irgend welche Lebenszeichen von sich zu geben, und habe ich alle in meiner Macht stehenden Mittel in Anwendung gebracht, ihn zu eruiren, jedoch ohne irgend jeweiligen Erfolg. Bei meinem letzten Ersehen desselben, welches in der Stadt New York stattgefunden hat, erfreute sich derselbe vollkommener geistiger und körperlicher Gesundheit und vermuthe ich, dass ihm derzeit ein Unglück zugestossen sein muss, wobei er sein Leben verlor. – Friedrich Breyer
Unterzeichnet in meiner Gegenwart und beschworen vor mir den dreizehnten October Eintausend neunhundert und drei:
Paul Gross
Notary Public, N.Y. County No. 101

Quellen: StadtA Schwäb. Hall 18/10133 (Inventur Barbara und Georg Fr. Breyer); S01/2026 (Materialsammlung der Hastings Genealogical Society zu F. Breyer); New York, Passagierlisten, 1820-1957; Index der Passagier- und Einwanderungslisten, 16.–20. Jh; US-Volkszählung 1900, 1920, 1930; New York, staatliche Volkszählung, 1905; US-Reisepassanträge, 1795-1925 [für Adolph Boxer]; New York City Sterbeindex, 1862-1948 (alle US-Daten abgerufen über ancestry.com, 16.11.2017)

 

Abbildung: Friedrich Breyer (Bildmitte, mit Hund) vor seinem Laden in der 3 Spring Street, Hastings-on-Hudson, um 1910 (Mit freundlicher Genehmigung / Courtesy of the Hastings Historical Society, Hastings-on-Hudson, New
York)

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