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IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Familie Däuber

1841 - 1851 - 1884 - 1893 - Geschwister und Neffen zwischen Enslingen und Amerika

1841 - Friedrich Däuber

 

Der Ort Enslingen zählt 356, die Filialen Gaisdorf und Schönenberg 91 und 81 Einwohner. Die Gemeinde „ist wie früher fleißig“, die Familienverhältnisse „sind meist geordnet“ und über den sittlichen Zustand gibt es „im Allgemeinen nichts zu klagen“. Pfarrer und Gemeindeamt versuchen, einen Ehehändel zu schlichten, angesichts der „sittlichen und ökonomischen Gebrechen der Familie“ sei mit Erfolg eher nicht zu rechnen. „Bettler sind zur Ehre der Gemeinde keine hier, da auch die Ärmsten“ auf Fleiß und „Fortkommen“ achten (PfA AA 3 1838).

In Enslingen wird der Bürgersohn Friedrich Däuber als erster und einziger Auswanderer des Jahres 1841 registriert. Gleichzeitig heiraten 1841 fünf Töchter und drei Söhne der Gemeinde nach auswärts, ein Ehewilliger aus Gelbingen heiratet nach Enslingen ein. In der Summe werden 8.900 Gulden Mitgift plus 980 Gulden Fahrniswert aus der Gemeinde hinausgetragen, herein kommt ein Posten von 2.085 Gulden „schuldenfreies Vermögen“.

Friedrich Däuber ist bei seiner Auswanderung nach Amerika 27 Jahre alt und ledig. Im Jahr 1814 kommt Friedrich als drittes von acht Kindern der Eheleute Johann Georg Michael Däuber, Küblermeister, und Catharina Barbara geb. Fischer aus Orlach zur Welt. Drei Töchter und vier Söhne der Familie erreichen das Erwachsenenalter. Von seinen älteren Schwestern ist Catharina "derzeit" (d.h. 1841) 31 und Barbara 30 Jahre alt und ledig. Die jüngeren Geschwister, darunter Zwillinge, sind mit 23, 19 und 14 Jahren noch minderjährig. Küblerhandwerk, Landwirtschaft und Haushalt liegt in den Händen des 58jährigen Vaters und der 57jährigen Mutter. Bis zu ihrem Tod werden die Eltern in Ungewissheit über den Verbleib ihres fernen Sohnes Friedrich bleiben.

 

1851 - Johann Däuber

 

Zwischen der Ausreise von Friedrich Däuber 1841 und dem Aufbruch seines Bruders Johann 1851 zieht es zehn weitere Gemeindeglieder nach Amerika. Die Auswanderung ist 1852 für acht -, 1853 fünf -, 1854 sieben – und 1857/58 zwei Einheimische attraktiv.   Johann wird 1818 als fünftes Kind der Familie Däuber geboren. Bei seiner Ausreise 1851 ist der vormalige Dienstknecht in Erlach 33 Jahre alt und ledig. Privat hinterlässt Johann sein  „am 11. Merz 1849“  in Gelbingen unehelich geborenes „Kind weiblichen Geschlechts“ samt dessen ledigen Mutter. Als leiblicher Vater kommt Johann für „Kindbett und Taufkosten“ in Höhe von zehn Gulden auf und übernimmt die Alimente in Höhe von jährlich 15 Gulden. Danach soll die Alimente statt jährlich halbjährlich auf Lichtmeß und Jacobi entrichtet werden. Allerdings ist Johann da schon außer Land.

 

1884 - Gottfried Däuber

 

Der dritte Auswanderer, Gottfried Däuber, ist ein Neffe der beiden Vermissten. Gottfried wurde am 26. Januar 1856 als drittes Kind von Schneidermeister Georg Peter Däuber und der Hebamme Rosine Christine geb. Ludwig in Enslingen geboren. Als die Mutter 1863 im Alter von 48 Jahren an Magenverhärtung stirbt, ist Gottfried gerade sieben Jahre alt und seine Geschwister Rosine und Johann Georg 13 und zwölf. In zweiter Ehe ist der Vater mit Elisabeth Barbara, geb. Härterich aus Altenberg verheiratet. Von ihren drei Kindern sterben Johann und Georg im Alter von 24 und 13 Jahren. Zwischen den 1865 und 1869 geborenen Brüdern kommt 1868 ihre leibliche Schwester Anna Maria zur Welt. 

Im Gegensatz zu seinen ledig ausgewanderten Onkeln Friedrich und Johann tritt Gottfried in den Stand der Ehe. Der Bräutigam ist bei der Hochzeit 28 und seine Braut 22 Jahre alt. Die Trauung des „Knechts“ Gottfried Däuber mit der „Bauerntochter“ Rosine geb. Wagner von Hertlinshagen findet am 20. Juli 1884 in Enslingen statt.  Am „Tag nach der Hochzeit“ tritt das junge Ehepaar, „ohne förmlich auszuwandern“, die Reise über den „großen Teich“ an.  In den 1860er Jahren verliert die Gemeinde Enslingen fünf ihrer Einwohner an Amerika. Von 1880 bis Ende des 19. Jahrhunderts sind zwölf weitere Auswanderungen belegt.

 

1893 - Anna Maria Däuber


Als Einzige der Gemeinde Enslingen begibt sich Gottfried Däubers Schwester Anna Maria Däuber 1893 im Alter von 28 Jahren - „nicht förmlich ausgewandert“ - auf die Reise nach Amerika. Bald weiß man daheim, dass Anna Maria „seit kurzer Zeit“ mit Heinrich Roll in Lorain, Staat Ohio, Vereinigte Staaten von Amerika, verheiratet ist.

 

Auf Auswanderungen folgen Trauerfälle

 

Drei Jahre nach der Ausreise Friedrich Däubers 1841 stirbt der Vater und Küblermeister Michael Däuber im Alter von 60 Jahren an Lungenentzündung. Jetzt soll die im Haus befindliche „untere Kammer, welche seither als Küblerwerkstatt benutzt wurde“ den noch ledigen Kindern zur Unterbringung ihrer persönlichen Habe zur Verfügung stehen. Die Ausreise von Johann 1851 liegt drei Jahre zurück, als seine Mutter 1854 im Alter von 70 Jahren an einem Schlaganfall stirbt. Kapital und Zinsen der verschollenen Söhne wird angelegt und fortgeführt.

 

Auf die Ausreise von Gottfried Däuber 1884 folgt im darauffolgenden Sommer 1885 der Beinbruch des Vaters in Enslingen. Der Schneidermeister verkauft am 19. Oktober seine gesamte Liegenschaft an den jüngsten Sohn Georg Däuber. Zwei Tage danach stirbt Georg Peter Däuber am 21. Oktober 1885 im Alter von 62 Jahren an Lungenschlag. Das Erbe erfordert die von Gottfried Däuber signierte Generalvollmacht für den Schreinermeister Andreas Lindenmayer in Enslingen.  Die notarielle Beglaubigung geschieht durch das Kaiserliche Notariat St. Louis, Missouri. Der Transfer wird durch die  „Amerikanische Mandatur und Bankgeschäft“ Carl Laiblin, Heilbronn a. Neckar abgewickelt. Am 8. Februar 1888 quittiert Gottfried Däuber in Burns, Marion County, Kansas, den Eingang der „Summe von 243 Mark 75 Pf (58 Dollar)“.

 

Für die 1893 von daheim ausgereiste Anna Maria ist der kurz darauf eintretende Tod ihrer Mutter ein Schock. Elisabeth Barbara geb. Härterich, hinterlassene Witwe des Schneiders Georg Peter Däuber, stirbt 63jährig am 10. Januar 1894 in Orlach. Die Witwe war bis zuletzt in Elzhausen als Haushälterin im Dienst. Ihr Lohnguthaben in Höhe von 82 Mark 52 Pfennig ist Teil der Erbmasse.Die Überführung der Leiche von Orlach im Oberamt Künzelsau bis nach Enslingen im Haller Oberamt macht einen Leichenpass erforderlich. Der von Schreinermeister Härterich in Orlach gefertigte Sarg „mit Goldleisten“ wird vom Enslinger Müllersknecht und „zweimal zwei Mann“ transportiert. In Enslingen empfangen Pfarrer, Schullehrer und die Schulkinder einen Obolus für ihr Singen. Der Leichentrunk findet im Gasthaus „Ochsen“ mit Kaffee, Zucker, Salzleibchen und Brot statt.

 

Toterklärung  der Verschollenen

 

Von der Generation der beiden Verschollenen lebt 1890 nur noch der jüngste Bruder Johann Georg Däuber. Im Alter von 63 Jahren reicht Johann Georg die Toterklärung ein, da seine ausgewanderten Brüder inzwischen „das Alter der Verschollenheit“ erreicht haben. Friedrich wäre 1890  76 und Johann 72 Jahre alt.


Korrespondenz

 

Der Brief von Gottfried Däuber aus Burns, Marion County, Kansas, an seine Stiefmutter in Enslingen datiert auf den 11. März 1890 und beginnt mit den Grüßen an seine „Liebe Mutter Geschwister u. Schwägerin“. Weiter „muß ich mich entschuldigen und Euch um Verzeihung bitten weil ich so nachläsig war und Euch so lange auf eine Antwort warden lies“. Er habe ihren „Brief mit Photographie“ erhalten „welches mich sehr freute“. Gottfried steht kurz vor seiner „Hochzeit mit Elise Brenzikofer einer Schweizerin“ am 16. März 1890. „Sie und Ihre Eltern kamen erst letzten Dezember von der Schweiz“ und „Gott sei Dank“ sei er von seinem „Alleinsein erlößt“ worden. Seine Tochter Lina habe er „jetzt mit mir genommen, ich hatte sie fast nicht mehr gekannt, den ich hatte sie schon zwei Jahre nicht mehr gesehen“, seinen Sohn „Karl hate ich letztes Jahr bei mir er geht dieses Frühjahr in die Schule“. Gottfried ist es „eine große Freude […]daß ich meine Kinder wieder bei einander habe“. Gottfried ist Witwer, seine Frau und Mutter seiner Kinder Rosine Magdalene geb. Wagner ist gestorben. Tröstlich ist, dass sein „Schwager Friedrich Wagner“ der „jetzt vom Clay Counti hir her gezogen ist [und] jetzt sein nächster Nachbar“ sei mit „240 Morgen Land“. Der Brief schließt in der Hoffnung, dass sein „Schreiben so gesund antrifft wie es mich verläßt“. Das Fest findet ohne die Verwandten statt. „Auf meine Hochzeit will ich Euch jetzt nicht mehr laden ihr würdet doch zu spät kommen aber wen ihr sonst einmal auf Besuch komen wolt so seit ihr herzlich willkommen“. Den Grüßen an „Euch alle“ fügt Gottfried noch „Viele Grüße an Geislinger an Dote und ans Etlins an ale Verwande u Bekannte“ hinzu. Er scherzt, „Ihr müst aber nicht denken daß ihr auch so lang warten müßt bis ihr mir schreibt wie ich es gethan habe schreib mir bald wieder“.  

 

In ihrem Brief vom 30. Januar 1894 an ihren Bruder und Schwägerin in Enslingen bringt Anna Maria ihre Trauer über den „unerwartet schnell“ eingetretenen Tod ihrer Mutter zum Ausdruck. Tröstlich hingegen ist, dass „Ihr einziger Wunsch […] daß Ihr der liebe Gott kein langes Krankenlager geben möchte“ in Erfüllung ging. Dass ihre Mutter „so schnell gestorben ist“ war zwar nicht abzusehen, dennoch werden „die Leute wohl draußen sagen ich sei schuld daran weil ich Sie hab sitzen lassen“. Der Bruder wird gefragt „was die liebe Mutter für ein Denkmal bekommen soll“ und um eine [Grab] „Blatte legen im Werth von 15 Mark“. Sogleich habe sie den Gang zum Notar unternommen um die notwendige Vollmacht einzuleiten, „denn mein Vermögen sollte ich haben sobald es möglich ist“. Die Situation ist äußerst bedenklich, „denn wenn es in Lorain bis Frühjahr nicht besser geht dann müssen wir nach Kansas reißen u. auf die Farm gehen und da müssen wir Geld haben, denn es ist dieses Jahr schlimm durchzukommen in Amerika“. Anna Maria berichtet, dass „überall alle Geschäfte still“ stehen „und man kann nirgends eine Arbeit bekommen, denn es haben tausende von Menschen keine Arbeit u. auch nichts zu Essen u. müssen von der Stadt erhalten werden“. In ihre Grüße von „Heinrich u. Maria“ werden auch „alle Verwandten u. Bekannten“ eingeschlossen, darunter Firnkorns von Gelbingen. Zum Schluss bestätigt Anna Maria ihrem Halbbruder und Schwägerin „daß Ihr meine liebe Mutter in Enßlingen habt beerdigen lassen, bin ich ganz mit einverstanden“.

 

Text: Liselotte Kratochvil

 

Quellen:

* Pfarramt Enslingen Registerauszüge; Pfarrarchiv Enslingen AA 3 1838
* Gemeindearchiv Enslingen B 3; B 6 (Prädikate); B 19-21; B 50/63; B 91 (Quartier); B 96; A 34 (Geburtsbriefe 1841); A 54 (Bürgeraufnahme, Bürger- und Beisitzrechte); A 7 55; A 7 108; A 7 143; A 7 145; A 7 180; A 7 216; A 7 320; A 7 380; A 7 446; A 7 472; A 7 488; A 7 290; A 7 525; A 7 559; R 54; R 243; R 244; R 251

 

Abbildung:

*  „Dauber family house", „1 mile southwest of Burns“. Die Farm Gottfried Däubers bei Burns, Kansas,  undatiertes Foto aus dem Besitz von R. Fedde, einem Urenkel Gottfried Däubers aus dessen zweiter Ehe mit Elisabeth Brenzikofer

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