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August und Viktor Schwegler

1849/1854 - die missratenen Brüder des Professors

Wer sich mit der Geschichte der Philosophie beschäftigt, wird wahrscheinlich irgendwann auf den Theologen, Philosophen und Althistoriker Albert Schwegler (1819-1857) stoßen, zu dessen Werken ein bis in das 20. Jahrhundert immer wieder neu aufgelegtes Standardwerk zu diesem Thema gehört. Der älteste Sohn des früh verstorbenen Michelfelder Pfarrers Matthäus Eberhard Schwegler (1793-1839) hatte nicht nur einige Schwierigkeiten und Rückschläge bei seiner eigenen akademischen Karriere zu erdulden. Zusätzliche Sorgen und Probleme bereiteten ihm und seiner Mutter auch die beiden jüngeren Brüder Albert und Viktor. Von Alberts acht Geschwistern erreichten die Schwestern Mathilde (*1821), Sophie (*1827) und Henriette (*1831) sowie die Brüder August (*1823) und Viktor (*1833) das Erwachsenenalter. Nach dem Tod des Vaters Matthäus Eberhard Schwegler im Jahr 1839 entwickelte sich der zu diesem Zeitpunkt in Tübingen studierende älteste Sohn zum wichtigsten Ansprechpartner der Mutter Henriette. Ein zentrales Thema war die Erziehung und Versorgung der jüngeren Geschwister. Mathilde blieb bei der Mutter, Sophie und Henriette fanden Stellen als Hausmädchen und heirateten. Weitaus schwerer taten sich die Brüder. Ein Einstieg in eine akademische Bildung über das Landexamen gelang beiden nicht. Letztendlich wanderten beide in die USA aus. Insbesondere für August lassen sich Vorgeschichte und Auswanderung selbst sehr gut an den in der Universitätsbibliothek Tübingen erhaltenen Briefen Albert Schweglers nachvollziehen.

August machte bis 1844 in Schwäbisch Hall eine Druckerlehre und führte dann ein unstetes Leben, das von Stellenwechseln und großen, aber realitätsfernen Plänen geprägt war. Den ab 1843 als Privatdozent in Tübingen wirkenden und dort selbst in ärmlichen Verhältnissen lebenden Bruder traktierte er regelmäßig mit Bitten um finanzielle Unterstützung. Alberts Geduldsfaden riss schließlich, als August Anfang 1847 auf die Idee verfiel, ohne eigenes Kapital Teilhaber einer Druckerei zu werden. Das notwendige Geld – immerhin 1.000 Gulden – sollte ihm der Bruder geben. Dieser Unsinn lasse, wie August seiner mittlerweile in Schwäbisch Hall lebenden Mutter schrieb, „in seinen dissoluten Zustand hineinsehen“. „Statt daß er sich also zusammennähme und etwas rechtes zu lernen suchte, um einmal sein Auskommen zu haben, hängt er Hirngespinsten nach, thut nichts, faulenzt und schreibt Briefe über Briefe, ... Wenn ein junger Mensch mit einem gesunden Leib sein Auskommen nicht findet, ist er selbst schuld daran.“ Die Mutter solle dem „liederlichen Lumpen“ alle und jede Unterstützung verweigern, denn man müsse ihm „den Ernst zeigen.“.

Auch 1848 gelang es August nicht, eine gesicherte Stellung zu erreichen. Die selbst in ärmlichen Verhältnissen lebende Henriette Schwegler begann nun, eine Auswanderung zu planen. „Amerika ist doch die einzige Aussicht für mich, diese Plage loß zu werden“, schrieb sie an Albert in Tübingen. Die beiden planten zunächst, August über eine in Stuttgart ansässige Auswanderungsgesellschaft ausreisen zu lassen. Er stände dann unter der „Aufsicht eines vorzüglichen gebildeten Mannes“ und man müsse sich keine Sorgen um sein Fortkommen machen. Aus nicht genau erkennbaren Gründen – vielleicht wegen der Kosten – zerschlugen sich diese Pläne jedoch, und der Bruder bzw. Sohn wanderte mit Hilfe des ebenfalls nach Amerika reisenden Stuttgarter Buchhändlers Autenrieth aus. August Schwegler ging am 12. April 1849 „guten Muths“ aus Schwäbisch Hall fort, ausgestattet mit Geldgaben und Empfehlungsschreiben, neuen Stiefeln und einem Krug Branntwein. „Mit Lebensmitteln versah ich ihn, so gut ich noch konnte“, berichtete Henriette nach Tübingen, denn „verköstigen mus er sich selbst.“ Eine wichtige Rolle spielte nun ein in Böblingen lebender, wohlhabender Verwandter, der das notwendige Geld vorschoss. Allerdings war er Mutter und Sohn gleichermaßen verhasst – Henriette Schwegler hielt ihn für einen großspurigen Lügner und Grobian, und mit August hatte er es sich durch moralisierende Ermahnungen verdorben. Die Mutter musste ihn nötigen, dorthin zu gehen „u[nd] mir von dort aus schreiben, was sich zugetragen biß zu seiner Abfarth, was er nur versprach, aber nicht hielt.“

„Froh bin ich nun“, schrieb Henriette Schwegler, „daß er fort ist, u[nd] wäre noch vergnügter, gewiß zu wissen, ob ich auf immer der Sorge um ihn enthoben wäre.“ Trotz widriger Umstände kam August wohlbehalten in Amerika an. Er setzte zunächst von Rotterdam nach London über und trat die Überfahrt in die USA mit dem Segelschiff „Governor Hinckley“ an. August hat „eine beschwerliche Reiße gehabt unter Sturm u[nd] Seehkrankheit u[nd] ist 42 Tage auf der Seeh gewesen“. Das Schiff strandete auf einer Sandbank und konnte nur unter großen Mühen gerettet werden. 16 Passagiere starben an Krankheiten. August verließ New York sofort nach der Ankunft, weil ihm die Stadt „zu überfüllt mit Menschen war“, und reiste nach Philadelphia. Seine ersten „Jobs“ fand er bei Farmern, konnte sich aber später in seinem erlernten Handwerk als Drucker etablieren. Spätestens ab Ende der 1860er Jahre lebte er in Chicago, wo er wohl auch Redakteur bei einer Zeitung war. Nach dem „Großen Brand“ Chicagos von 1871, der weite Teile der Innenstadt zerstörte, brach der Kontakt zu seiner Familie in Deutschland ab. Möglicherweise gehörte er zu den Opfern dieser Katastrophe, er könnte aber auch mit einem gleichnamigen „printer“ identisch sein, der ab 1876 in Cinncinnati lebte und dort um 1897 in ärmlichen Verhältnissen starb.

Der jüngste Bruder Viktor besuchte 1842-1844 die Lateinschule, tat sich dort aber schwer. Nach zwei Jahren auf der „Realanstalt“ begann er 1848 eine Apothekerlehre bei Eberhard Friedrich Blezinger in Gaildorf. Allerdings brach Viktor seine Lehre nach einem Jahr wieder ab, da er mit der Arbeit und dem gleichzeitigen Lernen der Theorie seines Fachgebiets überfordert war. Stattdessen fing er eine Schreiberlehre bei Oberamtspfleger Friedrich Heim an. Dieser erwies sich als brutaler Lehrherr, der den Jugendlichen „unbarmherzig traktirte und haute“. Der nun völlig verschüchterte Lehrling wagte es zeitweilig nicht mehr, den Mund aufzumachen, und sein Lehrherr fand, dass ihm ein denkender Kopf durchaus fehle. Mit Hilfe von Zusatzunterricht konnte er aber seine Ausbildung weiterführen und offenbar auch abschließen. Über die folgenden Jahre ist nichts bekannt, allerdings kam es 1853 zu nicht genau beschriebenen Schwierigkeiten. Schließlich unternahm Henriette Schwegler den ungewöhnlichen Schritt, sich im März 1854 mit einer Anzeige im „Haller Tagblatt“ öffentlich von ihrem jüngsten Sohn zu distanzieren. „Das leichtsinnige Schuldenmachen meines Sohns Viktor, der kein Vermögen besizt, veranlaßt mich zu der Erklärung, daß ich für denselben nichts bezahle.“ Dem folgte dann die kaum ganz freiwillige Abreise des Übeltäters nach Amerika. Henriette Schwegler griff auf die Dienste des Haller Buchdruckers und Verlegers Friedrich Schwend zurück, der auch eine Auswanderungsagentur betrieb. Viktor reiste mit einer von Schwend begleiteten Gruppe nach Le Havre und von dort mit der „Kennebec“ nach New York, das am 12. Juni 1854 erreicht wurde.

Viktors weiteres Leben lässt sich aus US-Quellen recht genau nachvollziehen. Trotz seiner abgebrochenen Lehre konnte er sich in der Nähe von Cinncinnati (Ohio) als Apotheker etablieren. 1857 heiratete er die deutschstämmige Marie Barkhan, mit der er vier Kinder hatte. Diptherie- und Typhuserkrankungen löschten allerdings 1866 in kurzer Zeit fast die gesamte Familie aus. Lediglich Viktor selbst und seine jüngste Tochter Anna überlebten. Offensichtlich sah der Witwer sich nicht in der Lage, sein Kind selbst aufzuziehen. Deshalb gab er sie zu seiner Schwiegermutter Mary Barkhan nach Batesville (Ohio). 1869 ging er eine zweite Ehe mit der nur 17 Jahre alten Mary Margaret Elizabeth Ledwell ein, mit der er mindestens acht Kinder hatte. Bis 1881 war er als Apotheker tätig, dann trat er als Hausmeister in den Dienst der Polizei von Cincinnati. Im Dezember 1894 wurde er Polizeibibliothekar. Hier war Viktor Schwegler offenbar in seinem Element. Er sprach – so ein Nachruf – fünf Sprachen und war eine Autorität auf dem Gebiet der Kriminologie und der Literatur zu allen Aspekten des Polizeiwesens. Die Uniform trug er mit Stolz und war in seinem Dienst nie ohne sie anzutreffen. Victor Schwegler starb am 26. Dezember 1905 im Alter von 71 Jahren an einer Lungenentzündung.

Text: Daniel Stihler

Quellen:

* Josef Matzerath: Albert Schwegler (1819-1857) (Contubernium; Bd. 37), Sigmaringen 1993, v.a. S. 194ff
* Daniel Stihler: „Amerika ist doch die einzige Aussicht für mich, diese Plage loß zu werden“. Albert Schwegler und seine „lästigen Brüder“, in: Migrationen. Zuwanderung nach und Auswanderung aus Schwäbisch Hall 1600-1914 (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Hall, H. 33), Schwäbisch Hall 2018, S. 257-270

 

Abbildung:

 

* „New-York von der Seeseite aus gesehen - des Auswanderers Sehnsucht“, Lithographie von Johann Friedrich Hesse, Berlin, 1850er Jahre, Library of Congress, Washington, Prints and Photographs Division, Nr. LC-DIG-pga-07068 [gemeinfrei]

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