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IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Johann Martin Dierolf

1872 - nach 17 Jahren das erste Lebenszeichen

Johann Michael Dierolf wurde am 16. September 1832 als uneheliches Kind der aus Wittighausen stammenden Taglöhnerstochter Marie Katharine Christine Dierolf in Cröffelbach geboren. Der Name seines Vaters ist im Taufbuch nicht angegeben, es wird lediglich vermerkt, dass dieser „die Vaterschaft abgeleugnet“ habe. Über seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Als Johann Michael 13 Jahre alt war, heiratete seine Mutter in Reinsberg den Zimmermann Johann Georg Baumann, starb aber zwei Jahre später, ohne weitere Kinder bekommen zu haben. Offenbar blieb der Waise beim Stiefvater und dessen zweiter Ehefrau Karoline Barbara geb. Spreng, die dieser 1849 heiratete. Jedenfalls sprach Johann Michael Dierolf die beiden als „Eltern“ an.

 

Im Alter von 22 Jahren entschloss er sich offenbar zur Auswanderung in die USA. Am 27. Januar 1854 erfolgte seine Entlassung aus der württembergischen Staatsbürgerschaft; als Beruf wird in diesem Zusammenhang „Bauernknecht“ angegeben. Ein wenig Geld konnte er offenbar mitnehmen, das Oberamt notierte ein Vermögen von 200 Gulden. Zu seiner Reise nach Amerika sind keine Quellen auffindbar, zumindest ab 1855 lebte er aber in der Großstadt Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania. Hier heiratete er am 13. November dieses Jahres in der deutsch-lutherischen Kirchengemeinde „St. Michael's and Zion” die aus Forst im Oberamt Gerabronn stammende, ein Jahr jüngere Rosine Eschenweck. Das Paar hatte insgesamt vier überlebende Kinder, mindestens drei weitere mussten sie, wie Johann Michael schreibt, begraben, weil sie die gefährliche Phase als Säugling nicht überlebten. Mit Fleiß und harter Arbeit gelang es dem Ehepaar offenbar, einen selbstständige Existenz aufzubauen. Johann Michael wird im Zensus von 1860 noch als „labourer“ (Arbeiter) bezeichnet, konnte sich dann aber bis 1870 als Bäcker etablieren und ein eigenes Haus erwerben.

 

Das erste Lebenszeichen für seine Stiefeltern in Deutschland war offenbar ein Brief, den er 1872 und damit 17 Jahre nach seiner Auswanderung nach Deutschland schickte. Sein Fazit war: „Reich sind wir zwar noch nicht geworden; aber keinen Mangel brauchen wir auch nicht zu leiden. Wier haben unser eigen Haus und Geschäft und wier verdienen immer so viel alls wier brauchen“.

 

Ein hohes Alter war dem Auswanderer nicht vergönnt. Ein Jahr nach dem Tod der jüngsten, 1876 geborenen Tochter Lillie starb Johann Michael Dierolf im Alter von 51 Jahren am 17. Juni 1884 in Philadelphia. Das wenige Tage vor seinem Tod angefertigte Testament hat sich erhalten; er setzte er seine „geliebte Frau“ Rosine als Universalerbin ein. Das Haus der Familie war demzufolge 2.800 Dollar wert, Johann Michael hinterließ darüber hinaus weiteren Besitz im Wert von 450 Dollar. 

 

Im Jahr darauf wurde der Brief von 1872 noch einmal relevant, als Johann Michaels Onkel Johann Dierolf 1885 in Schwäbisch Hall starb. Da der Auswanderer prinzipiell erbberechtigt war, musste sein Verbleib nachgewiesen werden, weshalb man das Schreiben von 1872 zu den Akten nahm und auf diese Weise der Nachwelt überlieferte.  Allerdings hatte Johann Dierolf seine Ehefrau bzw. Witwe Barbara geb. Wieland als Alleinerbin eingesetzt, weshalb dem Schicksal von Johann Michael in den USA offensichtlich nur der Vollständigkeit halber nachgegangen wurde. Rosina Dierolf lehnte es denn auch kurz und bündig ab, die von den württembergischen Behörden gewünschten Nachweise zu erbringen, da dies mit Kosten von über 20 Dollar einhergehe, „und es ist doch niemandem zuzumuthen, dass er solche Kosten riskirt, ohne etwas dafür zu erhalten.“  Rosina Dierolf überlebte ihren Mann um viele Jahre und starb am 21. Dezember 1908 im Alter von 74 Jahren in Philadelphia. Ihre letzten Lebensjahre hatte sie offenbar im Haushalt ihrer Tochter Marie bzw. Mary verbracht.

Dokument: Brief von Johann Michael Dierolf aus Philadelphia an den Stiefvater Johann Georg Baumann vom 9. September 1872

Philadelphia den 9. September 1872

Liebe Eltern, ich hoffe  daß Euch diese par Zeilen wohl und gesund antreffen. Wier sind Gottlob alle wohl und Gesund.
Liebe Eltern es geht uns so zimmlich gut in Amerika. Reich sind wir zwar noch nicht geworden; aber keinen Mangel brauchen wir auch nicht zu leiden. Wier haben unser eigen Haus und Geschäft und wier verdienen immer so viel alls wier brauchen.
Wier haben 3 Kinder am Leben und 3 haben wier begraben. Die älteste wird biß Frühjahr 17 Jahre alt. Die ist schon eine Perl wie eine alte.
Liebe Eltern, ich wünsche dass ihr auch bald etwaß von Euch höhren last, den es ist schon eine lange Zeit dass ich von Euch fort bin und die Zeit habe ich auch nichts von Euch gehöhrt. Lieber Vater ich denke du bist jetzt auch schon ein zimmlich alter Mann, ich kans an mir abrechnen, denn ich bin im letzten September 40 geworden, und kommt auch schon hie und her ein Silber Haar zum Vorschein. Liebe Eltern, weil es zu weit ab ist, um selbst zu kommen auf die Weihnachten, so haben wier Euch ein kleines Christkindle geschickt mein Schwager in Forst wird Euch 5 Gulden übergeben und wier hoffen daß es noch bis Christmäß bei Euch eintreffen wird. Liebe Eltern wenn ihr uns schreibt, so schickt uns auch Eure Adresse. Dieß paar Zeilen mus ich in meinen Schwagers Brief legen und kann daher auch nicht viel schreiben , sonst wird der Brief zu schwer.
Liebe Eltern, ich freihe mich auf eine baldige Antwort. Ich will mein Schreiben schlüßen mit vielen Grüßen an Euch und wir verbleiben Eure getreuen Kinder

Unsere Adresse ist:
John Dirolf
425 Norris Street Philadelpia Pa.
 

Text und Transkription: Daniel Stihler

Quellen:
* Hauptstaatsarchiv Stuttgart E 143 Bü 490
* StadtA Schwäb. Hall 18/5844
* Haller Tagblatt Nr. 82 v. 8.4.1854, S. 317 (Amtl. Anzeigen)
* Ancestry.com: Württemberg, Deutschland, evangelische Kirchenbücher, 1500-1985 [database on-line], desgl. Pennsylvania und New Jersey, Kirchen- und Stadtregister, 1669-2013. [database on-line], desgl. US-Volkszählung 1860, 1870 [database on-line], desgl. Pennsylvania, Testamente und Nachlassaufzeichnungen, 1683-1993 [database on-line], alle abgerufen 16.10.2018

 

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