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IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Die Geschwister Sieber

1884 - zeitweilig und dauerhaft in England

Eine Besonderheit unter den Auswanderern aus der Haller und Hohenloher Region sind solche, die im späteren 19. Jahrhundert als Metzger – nicht unbedingt mit einer entsprechenden Ausbildung – nach Großbritannien gingen. Offenbar gab es hier eine „Marktlücke“, die dazu führte, dass viele von ihnen ökonomisch ausgesprochen erfolgreich waren und teilweise große Vermögen erwarben. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 kam es meist zu einem abrupten Ende dieser Erfolgsgeschichten. In einigen Städten gab es antideutsche Krawalle, in deren Verlauf Läden verwüstet wurden. Deutsche Staatsbürger und ihre Familien wurden aus Großbritannien abgeschoben oder in Internierungslager (z.B. auf der Isle of Man) eingeliefert. Auch deutschstämmige britische Staatsbürger mussten Benachteiligungen, Diskriminierungen und massives staatliches Misstrauen erdulden, was die Weiterführung von Geschäften sehr erschwerte.

Ein Beispiel für die wechselvollen Schicksale der deutschstämmigen Metzger in Großbritannien sind die Kinder des Schwäbisch Haller Hafners Ludwig, genannt Louis Sieber (*1833) und seiner Frau Catharina geb. Riedel (*1839). Das Paar, dessen Ehe 1862 in Schwäbisch Hall geschlossen worden war, hatte fünf Kinder, von denen alle bis auf die als Säugling gestorbene älteste Tochter Louise Rosalie (*1863) das Erwachsenenalter erreichten. Das Ehepaar wohnte in dem über mehrere Generationen in Familienbesitz befindlichen Haus Gelbinger Gasse 87 und scheint ökonomisch leidlich erfolgreich gewesen zu sein. Beim Tod Ludwig Siebers 1898 wurde sein Vermögen auf knapp 20.000 Mark geschätzt, abzüglich etwa 3.000 Mark Schulden. Der einzige Sohn Johann Friedrich Sieber (*1869) hatte aber offenbar kein Interesse an der Übernahme des elterlichen Hafnerbetriebs. Im Hintergrund könnte der allgemeine Niedergang des traditionellen Hafnerhandwerks in Deutschland gestanden haben, für den die Konkurrenz durch industriell gefertigte Waren verantwortlich war. So wurden Wohnhaus und Werkstatt inklusive Gerätschaften 1899 von Catharina Sieber an Georg Heckmann verkauft. Entgegen der allgemeinen Entwicklung konnte sich dieser Handwerksbetrieb halten; die Töpferei besteht noch heute und konnte 1996 ihr 100jähriges Bestehen feiern.

 

Johann Friedrich Sieber war bereits 1884 nach England ausgewandert; der Verzicht auf die württembergische Staatsbürgerschaft vor der Abreise weist darauf, dass für ihn eine Rückkehr nach Deutschland offenbar keine Option war. Die ersten Jahre lebte Johann Friedrich Sieber in Horton, einem Vorort der nordenglischen Großstadt Bradford (North Yorkshire), wo es mehrere Metzger aus Hohenlohe gab, meist aus Künzelsau und Umgebung. Zwischen diesen Familien gab es Verbindungen u.a. durch gegenseitige Eheschließungen. Johann Friedrich absolvierte hier offenbar eine Metzgerlehre und konnte auch die Beziehungsnetzwerke der Hohenloher Metzger in Großbritannien nutzen. Nach Abschluss seiner Lehre arbeitete er von 1887 bis 1891 bei einem Metzger in Horton, dann anderthalb Jahre in der Penny Street in Lancaster, wo auch der aus dem "Schwanen" in Gelbingen stammende Johann Friedrich Happold eine Metzgerei betrieb. Später ließ er sich in South Shields nieder, einer Hafenstadt in Nordostengland an der Mündung des River Tyne in die Nordsee. Er arbeitete als Schweinemetzger und war ab etwa 1895 Besitzer einer Metzgerei in der 52 Mile End Road. Im Oktober 1895 heiratete er die ebenfalls deutschstämmige Barbara Pfeiffer. Das Paar hatte sieben Kinder, von denen zwei als Säuglinge starben. Seit Mai 1900 waren Johann Friedrich („Fred“) und Barbara Sieber britische Staatsbürger. 1901 beschäftigte das Ehepaar in der Metzgerei vier deutschstämmige junge Männer und Frauen, bei denen aber nicht eindeutig gesagt werden kann, ob sie aus Deutschland ausgewandert sind oder ob es sich um Kinder deutscher Auswanderer handelte. Jedenfalls zeigte Johann Friedrich offenbar dieselbe Hilfsbereitschaft, die ihm den Start in England erleichtert hatte.
 

Es ist anzunehmen, dass Johann Friedrich auch seine drei Schwestern Lina (*1864), Amalie (*1866) und Sophie (*1874) zur Auswanderung nach England veranlasste. Leider ist wenig bekannt, wann und wie das Trio nach England gekommen ist. Im Gegensatz zu ihrem Bruder haben sie offenbar nicht auf ihre württembergische Staatsbürgerschaft verzichtet, so dass ein genaues Datum ihrer Abreise fehlt. Jedenfalls hielten sich 1898 alle vier in einem relativ kleinen Bereich in Nordostengland auf. Lina lebte als Witwe eines offenbar deutschstämmigen Mannes namens Wirth, zu dem nichts weiteres bekannt ist, in der 103 Bedford Street in North Shields, das gegenüber von South Shields auf der anderen Seite der Mündung des Tyne liegt. Ihr Mann muss nach relativ kurzer Ehe gestorben sein, Kinder scheint das Paar nicht gehabt zu haben. Vermutlich bei ihrer älteren Schwester Lina lebte Amalie. Die jüngste Schwester, Sophie, war seit 1896 mit dem aus Kiel stammenden Kaufmann Eduard Bittermann verheiratet, der bei einer Firma namens „Bahlrüs & Comp.“ in North Shields beschäftigt war und sich später (zwischen 1903 und 1908) mit der Eröffnung eines Ladens für Bootszubehör selbstständig machte. Das Paar hatte vier Kinder. Das Ehepaar Bittermann erwarb 1902 die britische Staatsbürgerschaft. Um 1898 hat Sophie Bittermann offenbar ihre Mutter in Schwäbisch Hall besucht, wie ein Foto beweist, auf dem Mutter, Tochter und der noch sehr junge Enkel Edward zu sehen sind.
 

Während sich Johann Friedrich und Sophie dauerhaft in England niederließen, blieb der Aufenthalt für ihre beiden Schwestern eine Episode. Lina war spätestens 1901 wieder in Deutschland, denn am 18. April dieses Jahres heiratete sie in Stuttgart in zweiter  Ehe den Sparkassenbuchhalter Georg Seitz und lebte mit ihm in der Folge in der württembergischen Landeshauptstadt. Über ihr weiteres Leben ist noch nichts bekannt. Amalie kehrte ebenfalls nach Deutschland zurück, vielleicht um sich um die nach dem Tod des Vaters allein lebende Mutter zu kümmern. Jedenfalls wird sie nach dem Tod der Mutter am 22. Oktober 1912 als in ihrem Geburtsort wohnhaft bezeichnet. Außerdem wurde sie von ihren Geschwistern als Testamentsvollstreckerin der Mutter eingesetzt. Den Nachlassunterlagen ist übrigens zu entnehmen, dass Johann Friedrich im Oktober 1912 zu Besuch in Schwäbisch Hall war. Amalie blieb in Schwäbisch Hall; sie lebte wohl von dem ererbten elterlichen Vermögen, das allerdings durch die Inflation 1923 seinen Wert weitgehend verlor. 1933 bat sie um die Aufnahme in das „Bürgerheim“, eine Einrichtung für alte und vermögenslose Haller Bürgerinnen und Bürger. Hier lebte sie bis zu ihrem Tod am 17. März 1941, als der Zweite Weltkrieg ihre Heimat und die Heimat ihrer Geschwister erneut zu Feinden gemacht hatte. Ihr Testament nennt trotzdem ihre britische Schwester Sofie Bittermann in North Shields und ihre Nichte Amalie Scott geb. Sieber, eine Tochter Johann Friedrichs in South Shields, als Erbinnen.
 

Weder ihr Bruder noch ihre Schwester in England waren zu diesem Zeitpunkt noch am Leben. Sie hatten in England turbulente Zeiten erlebt. Nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 waren beide Familien als britische Staatsbürger zwar der Einlieferung in ein Internierungslager entgangen. Nach der Versenkung der „Lusitania“ kam es in South Shields im Mai 1915 jedoch zu schweren antideutschen Ausschreitungen, den sogenannten „pork riots“, in deren Verlauf Geschäfte deutschstämmiger Inhaber verwüstet wurden. Auch das Sieber'sche Geschäft war betroffen; Barbara Sieber scheint um ihr Leben gefürchtet zu haben und floh zu einer Nachbarin, die sie - nach anfänglicher Ablehnung aus Angst vor dem randalierenden Mob - in ihrer Wohnung versteckte. Obwohl Fred Siebers ältester Sohn seit 1914 als Offizier in der britischen Armee diente, blieb die Lage so angespannt, dass die Familie es nicht wagte, weiter in ihrer Heimatstadt zu wohnen. Bis zum Ende des Kriegs hielten sich die Familien Sieber und auch Bittermann in Wetheral in Cumbria in der Nähe von Carlisle auf. Hier erreichte Fred Sieber wohl auch die Nachricht vom Soldatentod seines Sohnes. John Frederick Louis Sieber  hatte seit 1913 im „Armstrong College“ in Newcastle studiert und war 1914 als „Second Lieutenant“ (Unterleutnant) in eine Pioniereinheit der britische Armee eingetreten. 1915 überlebte er die verlustreichen Kämpfe um Gallipoli an den Dardanellen und wurde 1916 nach Frankreich verlegt, wo sein Bataillon ab dem 27. Juli an der Sommeschlacht teilnahm. Diese britische Großoffensive verfehlte den erhofften Durchbruch durch die deutschen Linien und führte stattdessen zu einer monatelangen, brutalen Material- und Abnutzungsschlacht  mit kaum vorstellbaren Verwüstungen und exorbitanten Verlusten auf beiden Seiten. Zu den fast 150.000 Toten und Vermissten der britischen und Commonwealth-Truppen gehörte auch Second Lieutenant Louis Sieber, der als junger Subalternoffizier die schlechtesten Überlebenschancen aller Frontsoldaten hatte. Er erlitt eine schwere Verwundung, an der er am 4. Oktober 1916 im Alter von 19 Jahren in einem Lazarett starb. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof in Wimereux in der Nähe von Boulougne.
 

Seine Eltern kehrten 1918 nach South Shields zurück und konnten auch ihren Betrieb erfolgreich weiter führen. Freds Ehefrau Barbara starb 1925, Fred 1931. Die älteste Tochter Amalie (*1899) und ihr Ehemann Harry Scott betrieben die Metzgerei der Eltern weiter, anfangs noch zusammen mit dem Bruder Edward. Dieser übergab allerdings 1933 seine Anteile an die Schwester und den Schwager und zog sich zurück. Das Geschäft firmierte unter dem Namen „Scott & Sieber“. Die jüngere Schwester Lena (*1911)  heiratete 1934 Harry Mattimore, mit dem sie ebenfalls eine Metzgerei betrieb. Auch die jüngste Schwester Dora (*1901) ging eine Ehe mit einem Engländer ein. Freds Schwester Sophie lebte nach 1918 wieder mit ihrem Ehemann Edward Bittermann in North Shields, wo sie 1939 starb. Bis in  die 1930er Jahre lassen sich vielfältige Beziehungen der Familien Sieber und Bittermann in die "alte Heimat" ausmachen. Die erhaltenen Familienpapiere erwähnen mehrfach  Besuche in Schwäbisch Hall, etwa 1936, als Sophie und Edward Bittermann die Tante bzw. Großtante „Male“ (Amalie) im Bürgerheim besuchten. Nicht zuletzt verweisen auch die Bücher des Haalamts, in die die Familien Sieber und Bittermann als Inhaber von ererbten Salzsiederechten eingetragen wurden, auf diese Bezüge.

 

Text: Daniel Stihler

 

Abbildung: Kinder und Schwiegersöhne des Hafners Ludwig Sieber aus Schwäbisch Hall. obere Reihe: Eduard Bittermann (North Shields, England), Johann Friedrich Sieber (South Shields, England); untere Reihe: Lina Seitz geb. Sieber (Stuttgart), Amalie Sieber (Schwäbisch Hall), Georg Seitz (Stuttgart). Foto aus Privatbesitz, ca. 1908

 

Literatur:

* Simon E. Wood: A German Heritage. The story of two immigrant families on Tyneside, King's Lynn 2018
* Erden Stoff Feuer Werk. 100 Jahre Töpferei Heckmann. [Ausstellungskatalog] Hällisch-Fränkisches Museum Schwäbisch Hall 13. Oktober bis 1. Dezember 1996, Schwäbisch Hall 1996
* Karl-Heinz Wüstner: Mit guter Wurst und Schweinefleisch zum Erfolg im fremden Land. Wie hohenlohische Auswanderer in Großbritannien als Metzger zu hohem Ansehen kamen und doch ein bemerkenswertes Schicksal erlitten , in: Andreas Maisch (Hrsg.): Migrationen. Zuwanderung nach und Auswanderung aus Schwäbisch Hall (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Hall, Bd. 33), Schwäbisch Hall 2018, S. 351-404, hier  S. 380-387

 

archivische Quellen:

* StadtA Schwäb. Hall 18/8762 (Eventualteilungsurkunde L. Sieber, 1898)
* StadtA Schwäb. Hall 18/11433 (Nachlassakten C. Sieber, 1912)
* StadtA Schwäb. Hall H04/3225 (Personalakten A. Sieber, im Bürgerheim, 1933-1941)
* StadtA Schwäb. Hall, Adressbücher 1886-1894
* Standesamt Schwäbisch Hall, Familienregister II/902
 

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