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IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Carl Stock

1858 - ein Leben "ganz unten" in Australien

„Abreiße von Hall, Vorm 10 Uhr“ - das notiert Carl Stock am 11. Mai 1858 in seinem ersten Tagebuch. Der „schmerzliche Abschied von Catharina“ und „ein Gebetbuch von ihr als Andenken“ beschließen seine Haller Zeit. Er reist per Binnenschifffahrt über Heidelberg, Köln und Rotterdam, am 20. Mai ist „Ankunft in Liverpool Nacht 8 ¾ Uhr“.


Doch wie kommt ein Sohn aus guter Familie auf ein Auswandererschiff nach Australien? Carl Stock wird 1822 als jüngstes Kind des Salinenbaumeisters und Kreisbaumeisters Stock und seiner Ehefrau Catharina geborene Graf im württembergischen Oberamtsstadt Schwäbisch Hall geboren. Salinenbauten, die neugotische Kapelle auf  dem Nikolaifriedhof, Brücken und der Industriebau der Spinnerei von J.F. Chur & Söhnen am Ripperg (heute „Alte Spinnerei“) sind einige der Bauwerke des Vaters Carl Stock sen. Bei der Ankunft des Jüngsten sind die Geschwister Lisette, Caroline, Adolf und Marie 19, 17, 13 und zwei Jahre alt. Carl Stock listet seine Schulzeit und den beruflichen Werdegang in einer chronologischen Übersicht auf. Beim Schulabschluss 1837 wird deutlich, dass Carl „leider in Kenntnißen sehr weit zurück“ liegt, „denn ich war ein verzogener weichlicher Knabe, durch Kränklichkeit viel von der Schule abgehalten und dazu in der Schule faul und nachläßig“.


Beruflich durchläuft Carl Stock die Kanzlei „des lieben Schwagers Rimanoczy“, die Kameralverwaltung Schöntal, die Kanzlei des Vaters im Baufach und schließlich die Haller Stadtpflege. Trotz zusätzlichem Unterricht in Mathematik macht Carl „zu geringe Fortschritte“, da es ihm „am Fundament, das ich in der Schule hätte erwerben sollen“ fehle.Mit dem Tod des Vaters im Jahr 1844 bricht eine wichtige Stütze weg. Nach dem Tod der Mutter „verfiel“ Carl „durch den elenden Schwindler Schramm auf die unglückselige Photographie“. In kurzer Zeit ist das von den Eltern ererbte, nicht unbeträchtliche Vermögen verschleudert. Er kündigt „ein Capital nach dem andern auf“ bis er „damit schon in wenigen Jahren fertig war“.


Der Amtsgehilfe Carl Stock sieht sich durch „zu lange Zurückhaltungen des Salairs“ benachteiligt und manipuliert schließlich die Kasse. 1857 wird Carl Stock „mit Schande entlassen“. Ein Strafverfahren findet offenbar nicht statt, vielleicht aufgrund der einflussreichen Verwandtschaft des Delinquenten, für die ein öffentlicher Prozess sehr peinlich wäre. Das „schwarze Schaf“ soll allerdings das Land verlassen. „Nachdem aber beschloßen war, daß ich nach Australien auswandern müsse“, verbringt er noch eine kurze Zeit in der Amts- und Stadtpflege und bei den Geschwistern. Am 26. Mai 1858 bezieht Carl Stock das Schiff ab Liverpool. Der weite Horizont, das Meer und die dichte Gemeinschaft unter 360 Reisenden und Matrosen fördert die Schreiblust des 36-Jährigen. „Sauerei“, „Lärm“ und „spärliche Laternen im Zwischendeck“ gipfeln in den „Schikanen“ des Kochs durch „zu fettes, zähes und entsezlich gesalzenes Fleisch“. Stürme bewirken, „dass keine Seele auf dem Schiff war, die sich nicht auf ihr Ende gefaßt machte“. Seekranke Passagiere und sein eigenes Leiden an Darminfektionen und Hautkrankheiten belasten das Gemüt. Carl Stock sucht am Himmel nach heimatlichen Sternen. „Wundersame Tiere“, Albatrosse, „durchdringender Wale Gesang“ und Eisfelsen fließen in Worte und Illustrationen des talentierten Zeichners ein. Nach vier Monaten ist „die Küste jenes fremden Landes. In welchem ich mein verlorenes Glück suchen werde“ erreicht. Die Reisebeschreibung umfasst zwanzig von insgesamt 1010 eng beschriebenen Tagebuchseiten. Das Tagebuchschreiben wird in den folgenden Jahren offenbar zum „roten Faden“ und zum Halt in einem chaotischen und armseligen Leben voller Brüche. Sorgfältig bewahrt er die Hefte auf, zeichnet Illustrationen und legt Inhaltsverzeichnisse an.

 

Sumpf, fremdartige, krüppelhafte Bäume säumen den Weg in die „prachtvolle blühende Stadt“ Melbourne, für Carl Stock ist es „kaum glaublich, wie sie in 20 Jahren zu dieser Größe angewachsen ist, wo Alles noch Busch war“. Stock erlebt die Stadt jedoch von ganz unten - im „Emigrant Home“ sind die Betten verwanzt, Ratten laufen nachts über sein Gesicht. „Vor Kälte und Hunger zusammengekrümmt“, schläft er zwischen den Steinen einer Baustelle, unter der Brücke über den Yarra River oder auf der Bahnhofstoilette. Es ist die Zeit des großen australischen Goldrauschs, und auch der Haller Emigrant will auf diese Weise sein Glück machen. Bei der Ankunft in Bendigo werden die hoffnungsfrohen Goldgräber „in unseren Erwartungen so schlimm als möglich getäuscht“. Die Ausbeutung ist weit vorangeschritten, so dass man „schwerlich bald Arbeit bekommen“ werde. Wiederholt wird Carl Stock als Pferdetreiber an der Puddel-Maschine angestellt und kurz darauf wieder entlassen. Immer wieder notiert er, dass er keine Arbeit finden kann. Manchmal dienen ihm Sandlöcher oder die blanken Steine im Busch als Bett, er haust in Zelten und elenden, verwanzten Schuppen, „von deren Abscheulichkeit Ihr euch keinen Begriff macht“.  Der gebildete Mann aus guter Familie wäscht Geschirr im Hotel, klopft Steine, wandert als Wurstverkäufer, spaltet Holz im Busch und arbeitet als Sägemühlenknecht bei Müller Schröder. Für Übernachtung und Kost bei Deutschen repariert er ein Zinkdach, reinigt Fenster, wäscht Böden auf, richtet eine Terrasse. Episoden als Lithograph und als Maler im Busch „machen kaum das Leben“. Dieses endet beinahe, als er bei einer seiner Wanderungen im Busch in einen Sumpf gerät und sich nur mit letzter Kraft vor dem Versinken retten kann. Mancher Leidensgenosse findet ein elendes Ende. Neben dem Namen zweier anderer Deutscher notiert er im April 1861 lakonisch: „died on starvation“ - sie sind mangels Arbeit und Einkommen verhungert.

 

Von der Familie in Deutschland geschicktes Geld kann nur punktuell helfen. Pech oder Unvermögen führen immer wieder zum Verlust des Kapitals, das ihm die Rückkehr nach Deutschland oder zumindest ein Leben ohne Not ermöglichen hätte sollen. Dies löst tiefe Verzweiflung aus. Während der ältere Bruder Adolf daheim als Geistlicher Karriere macht, zum Prälaten und Mitglied der I. Kammer des Landtags aufsteigt und vom württembergischen König in den Personaladel erhoben wird, bleibt Carl in der sozialen Hierarchie seiner neuen Heimat ganz unten. Nicht ohne Neid dürfte er beobachtet haben, wie sich andere deutsche Auswanderer z.B. als Farmer, Metzger oder Hoteliers eine gesicherte Existenz aufbauen und Wohlstand erwerben. Oft sind es diese Landsleute, die ihm mal widerstrebend, mal bereitwillig, helfen und Arbeit geben. Deutsche Pfarrer geben ihm Empfehlungsschreiben. Eine Familie kann Carl in diesen armseligen Verhältnissen nicht gründen. Louise, die hübsche, von Carl Stock porträtierte Tochter eines Mitreisenden, heiratet natürlich keinen „armen Schlucker“, sondern einen wohlhabenden deutschstämmigen Farmer. Mehr als ein „gutes Mittagessen“ kann Carl von ihr nicht erwarten. Eine Irin zeigt Interesse an Carl, aber „ich fand, daß sie die wahrhaft giftigen Getränke Ale, Gin pp. zu sehr liebt.“ So bleibt er lieber allein. 

 

Etwas mehr Kontinuität verspricht die Selbstständigkeit als Kaminfeger ab März 1866. Unstete Lager im Busch, baufällige, verwanzte Hütten, Spelunken und das Emigrantenhaus kann er hinter sich lassen. Zeichnen und Malen sind ebenso Freizeitbeschäftigung wie eine weitere Erwerbsquelle. Barmädchen, Auswanderer, Arbeiter und Goldsucher und ihre bescheidenen Hütten sind ein häufiges Motiv, aber auch wohlhabendere Menschen der australischen Kolonialgesellschaft. Er zieht in eine eigene Wohnung und 1868 gar in ein eigenes Haus in Ballarat. Bürgerlich pflanzt der Schornsteinfeger Blumen an und hält sich Hund und Katzen. Carl empfängt Damenbesuch und bietet verkrachten Existenzen großzügig Unterschlupf, auch wenn das Ärger macht. Das Leben in Australien ist rauh, wie auch die Sitten. 1892 entgeht er nur knapp dem Mordanschlag eines Geschäftspartners. Die Pistolenkugel verletzt ihn leicht, der Täter wird im folgenden Prozess zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Immer wieder erwähnt er Diebstähle, Drohungen, Erpressungsversuche und Avancen von Frauen, die sich aus Armut prostituieren. Offen gibt er zu, dass er solchen „Versuchungen“ nicht immer widerstehen kann. Selbstkritisch reflektiert der Auswanderer seine charakterlichen Unzulänglichkeiten, moralischen Verfehlungen und ökonomischen Fehlschläge, ohne jedoch grundlegend etwas ändern zu können. Dauerhafte Sicherheit gegen den erneuten Absturz in die Armut gibt es nicht. Irgendwann zeigt das Ideal von fünf Tagen Arbeit, Samstag Ordnung und Sonntag Kirchgang Risse. Existenzangst und Kontrollverlust durch Krankheit und zunehmendes Alter schlagen sich im Tagebuch nieder

 

Der Deutsche Verein drängt mehrfach auf den Umzug ins Altersheim. Carl Stock wägt ab. „Denken zu müssen - nach meinem Tod vielleicht mit sechs anderen in einem Grab und ungeweihter Erde begraben zu werden, dieser Gedanke entsetzt mich und würde mir den Tod erschweren.“ Der letzte Eintrag im Tagebuch fällt auf den 24. Dezember 1901. Carl Stock schreibt im Old Age Asylum an seine Schwester Marie auf ihre Bitte um Zusendung der Tagebücher. Er ist „unschlüßig was ich thun sollte“, da das Lesen dieser Bücher „mich dir als einen elenden Menschen entlarven muß“ und also seiner Schwester „nur wehe thun könnte“. Zwei Jahre später ist er tot. Seine Tagebücher hat er trotz seiner Bedenken zurück nach Deutschland geschickt. Sie befinden sich heute als Leihgabe im Stadtarchiv Schwäbisch Hall.

Text: Liselotte Kratochvil, Daniel Stihler
Abbildung: StadtA Schwäb. Hall R60/28: Carl Stock „in einer Spelunke, von deren Abscheulichkeit Ihr euch keinen Begriff macht“, Mai/Juni 1859

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