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ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Die Geschwister Schock

1885 – eine Sulzdorfer Großfamilie in den USA

Am 17. November 1897 starb in Sulzdorf der „Söldner“ (Kleinbauer) Johann Jakob Schock im Alter von 78 Jahren. Das in diesem Zusammenhang erstellte Inventar weist auf ärmliche Verhältnisse. Neben einem auf 600 Mark geschätzten Hausanteil besaßen Schock und seine zweite Ehefrau Rosina Katharina geb. Schmidt nur einen bescheidenen Hausrat, dessen Wert der Sulzdorfer Schultheiß Kühnle auf 132,65 Mark schätzte. Da seine in Onolzheim geborene und mit 55 Jahren deutlich jüngere Witwe (Tochter eines später in Sulzdorf ansässigen Wagners) fast 1.400 Mark an Geld und Sachwerten in die 1865 geschlossene Ehe eingebracht hatte, reichte der Nachlass von 732 Mark nicht einmal aus, um ihre Ansprüche zu befriedigen. So wurden die Besitztümer Johann Jakob Schocks komplett auf seine Witwe übertragen, während die Kinder des Paares auf eigene Ansprüche verzichteten. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass die Familie in einem Punkt durchaus reich war: es gab zahlreiche Kinder. Aus einer ersten, 1858 geschlossenen Ehe mit der 1864 gestorbenen Christine Barbara Druckenmüller hatte Johann Jakob Schock zwei Kinder, die das Erwachsenenalter erreicht hatten, aus der zweiten mit Rosina Barbara Schmidt sieben weitere, von denen ein Sohn allerdings 1896 in Cannstatt verstorben war. Während alles dies für das 19. Jahrhundert nichts bemerkenswertes ist – allenfalls, dass angesichts der immer noch großen Kindersterblichkeit so viele der Söhne und Töchter das Erwachsenenalter erreicht hatten – so zeichnet sich die große Kinderschar Johann Jakob Schocks eine Besonderheit aus: nur drei der acht waren in der deutschen Heimat geblieben, während die anderen in die USA ausgewandert waren und sich in oder bei Buffalo im Bundesstaat New York niedergelassen hatten.

 

Der älteste Sohn Johann Friedrich Schock wurde am 12. Oktober 1859 in Sulzdorf geboren. Das Auswanderungdatum ist nicht bekannt, dürfte aber wie bei seinen Geschwistern um 1885 liegen. 1898 wohnte er mit der Ehefrau Kunigunde in der 50 Thomas Street in Buffalo. Für ihn fanden sich zwar keine Daten in den Censuslisten der USA, dagegen sind Fred und Kunigunde Schock sowie Matthew – wohl ein Sohn – im Adressbuch von Buffalo für 1927 unter der gleichen Hausnummer in der Glenwood avenue eingetragen. Fred jr. und Marie in Monroe gehören wohl zur selben Familie. Sie sind auch in späteren Jahren dort verzeichnet. Kunigunde Schock hat als amerikanische Staatsbürgerin im Sommer 1912 einen Besuch in der alten Heimat gemacht und ist am 15. August mit dem Schiff „Batavia“ wieder zurück in die USA gefahren. Diese Reise deutet an, dass sich das Ehepaar in den USA einen zumindest bescheidenen Wohlstand erworben hat.

 

Zur ältesten Tochter des Johann Jakob Schock, Caroline Schock (* 2. August 1862) und ihrer Familie in Amerika finden sich in den Daten des US-Nationalarchivs, den Volkszählungslisten (Census) und New Yorker Passagierlisten zahlreiche interessante Informationen. So ist Caroline wie ihr späterer Ehemann Michael Hauschel mit dem Schiff „Ems“ in Bremen abgereist und am 12. September 1885 im Hafen von New York angekommen. Michael Hauschel war ein Sohn des Bauern Georg Hauschel in Reinsberg und seiner ersten, 1864 gestorbenen Frau Katharina geb. Grombach. Aufgewachsen ist er offenbar in Matheshörlebach, der Vater zog später mit seiner zweiten Frau nach Schwäbisch Hall. Er und Caroline Schock kannten sich entweder bereits oder lernten sich auf dem Schiff kennen, jedenfalls heirateten sie noch 1885. Michael Hauschel hatte von seinem Vater 600 Mark zur Auswanderung erhalten, 1886 folgten weitere 3242,86 Mark, mit denen Ansprüche an das Erbe von der Mutter und von einem bereits verstorbenen Bruder abgegolten wurden. Die finanziellen Umstände der Familie waren also nicht schlecht. Die drei Kinder werden in einem der drei Briefe an die Stiefmutter in Sulzdorf erwähnt. Vom Sohn Edwin findet sich wieder eine Reihe Daten in den Censuslisten des Nationalarchivs. Edwin Hauschel ist schon mit 23 Jahren verheiratet, lebt mit seiner Frau Hanna (Anna) Hauschel („Hanschel“) in Westmoreland , Pennsylvania, und arbeitet in einem Kohlebergwerk. 1940 wohnt er mit seiner Familie in Vernon, Crawford, Pennsylvania und arbeitet als Möbelverkäufer („furniture salesman“). Er hat sechs (überlebende) Kinder: Susan geb. 1920, Catherine geb. 1922, Edwina geb. 1925, Edwin geb. 1927 und die Zwillinge Frank und Florence geb. 1929.

 

Katharina Margaretha Schock (Katherine) (* 4. April 1867) war das zweite Kind Johann Jakob Schocks und seiner zweiten Ehefrau Rosine Katharine geb. Schmidt; der ältere Bruder Johann Simon starb 1896 in Cannstatt. Sie wanderte 1887 in die USA aus und heiratete 1889 den deutschstämmigen Heinrich Hoppe. Das Ehepaar wohnte in Buffalo, Katherines Mann war Arbeiter in einer Fabrik. Der Sohn Norman hatte 1920 den Beruf eines Werkzeugmachers, die Tochter Hilda (verh. Fogg) arbeitete in einem Rechtsanwaltsbüro

 

Recht wenig bekannt ist über Barbara Schock (*19. Juli 1869), das fünfte Kind. Barbara war 1898 mit dem „farmer“ (Bauern) Henry Schüssler verheiratet und lebte in Bennington, einer westlich von Buffalo im Landesinneren gelegenen Kleinstadt. Zu ihr und ihren Nachkommen waren keine eindeutigen Daten aus den Passagierlisten oder den Censuslisten der USA zu finden.

 

Weitaus mehr ließ sich wieder über Rosine Schock („Rose“) (*13. Oktober 1870) herausfinden, die jüngste der Auswanderer. 1890 in die USA ausgewandert, schloss sie 1892 die Ehe mit Michael Denk. Sie ist mit ihrer Familie in mehreren Censuslisten (1900, 1910, 1920) erfasst. Das Paar hatte drei Kinder: Bertha, geb.1893, Edgar Henry, geb. 1895, und Cornelius, geb. 1901 (oder 1902). Ihr Mann Michael machte sich als als Maler und Tapezierer selbstständig, die beiden Söhne arbeiten ebenfalls als Tapezierer mit. Michael Denk starb 1926. Am 3. August 1932 kehrte Rosine auf dem Schiff „Europa“ über Bremen in Begleitung ihrer Tochter Bertha Denk von einem Deutschlandbesuch zurück. Ihr Sohn Edgar H. Denk war Teilnehmer des Ersten Weltkriegs vom April 1916 bis zum Kriegsende, erlitt drei Tage vor dem Waffenstillstand  eine Verwundung und wurde erst im März 1919 als gesund entlassen. Edgar war verheiratet mit Victoria Denk und hatte drei  Kinder : Edgar M(Michael ?) geb. 1928, Orchid geb. 1929 und Allayne geb. 1937 und wohnte in Cheektowaga, Erie County, New York. Offenbar hat er seine Mutter aufgenommen, die 1941 in Cheektowaga verstorben ist. Der andere Sohn Sohn Cornelius Denk war verheiratet mit Clara F. Denk und hatte ebenfalls drei Kinder: June geb. 1930, Robert geb. 1931 und Auchey geb. 1938. Er wohnte 1950 in 590 Bailey av, Buffalo, New York.

Die jüngsten Geschwister, die Zwillinge Magdalene und Wilhelm  (*7. November 1872) sowie das "Nesthäkchen" Friederike (*13. November 1876) lebten 1898 in Württemberg. Magdalene war in Kerleweck in Stellung, Wilhelm arbeitete als Hausdiener in Stuttgart, und Friederike stand in Kirchheim/Teck „in Dienst“.  Im Zuge der Erbangelegenheiten nach dem Tod des Vaters hat sich ein Brief der Auswanderer mit mehreren Nachrichten erhalten, die sich auch mit privaten Nachrichten befassen.

 

Dokument 1: Brief von Rosine Denk geb. Schock aus Buffalo vom 12. Februar 1838 an ihre Mutter Rosine Katharine Schock in Sulzdorf, mit Nachtrag von Katharine Hauschel vom 20. Februar und weiterem undatierten Nachtrag (aus: 31/3276)

 

Buffalo den 12. Febr[uar] 1898
Liebe Mutter u[nd] Geschwister
Deinen Brief haben wir erhalten welcher uns recht gefreut hat. Auch haben wir unsre Namen unterschrieben, es hat deßhalb länger genommen weil ich es erst der Babette schicken mußte, Käthe hat sich nicht unterschrieben, sie sagte es ist nicht nöthig sie will nichts haben u[nd] sie unterschreibt sich auch nicht es wird auch mit außer ihrem Namen gehn, auch von den anderern will keins nichts wir verzichten alle auf alles u[nd] dieses wird genügent sein, es ist nicht nöthig, daß ihr deshalb noch mehr Unkosten macht. Und wir rathen dir zu, wenn du Lust hast so verkaufe es u[nd] komme nach Amerika du bist bei allen willkom u[nd] es ist unser aller Wunsch. Auch übersenden wir mit dießem Schreiben, die Bilder von unseren l[ieben] Kinder sei so gut u[nd] besorge sie eins bekommst du l[iebe] Mutter eins die Lene u[nd] eins die Rieke u[nd] von Karoline ihrem Mädchen gehören zwei dein u[nd] zwei der Frau Hauschel im Michael seiner Mutter u[nd] eins im Hartmann u[nd] wir hoffen daß ihr sie auch erhalten werdet. Was uns sonst anbelangt sind wir alle soweit gesund beisammen u[nd] was die Zukunft bringt, weis Gott allein. Ich habe auch Wilhelm geschrieben auch habe ich einen Brief von der Rieke erhalten ich werde ihr auch bald schreiben. Karoline hat auch einen Brief an Hartmanns geschrieben welchen ihr erhalten haben werdet. L[iebe] Mutter Sorge dich nicht so viel ab es ist nicht nöthig, denn wir machen dir keine Unangenehmigkeit es will also keines nichts u[nd] wenn du Käthe schreiben willst ihr Adresse ist  Heinrich Hoppe 30 Schumway St. Buffalo N. J.
es ist also nicht nöthig, daß es weitere Unkosten gibt denn es will keins nichts. Ich schließe mein Schreiben u[nd] hoffe, daß es dich gesund antrifft
Wir grüßen dich alle herzlich
Michael u[nd] Rosie Denk
Schreibe bald
 

[1. Nachtrag:]

Liebe Mutter ich muß hier ein par Zeilen anfügen wir hatten gestern einen harten Sonntag 19. Februar ist aber mit Gottes Hilfe soweit gut überstanden Schwester Rosine Denk wurde am genannten Tag operirt brauchst aber deshalb nicht zu erschrecken sie wurde nicht geschnitten sie hate einen Fehler an der Mutter wo genäht werden mußte, ihre Zeilen hier schrieb sie die Nacht davor unter Weinen sie will Näheres selber schreiben wenn sie wieder auf sein kann es geschah in ihrer in ihrer Wohnung sie muß bald 10  Tage liegen war bei ihr den ganzen So[nntag] Nachmitag sie ist soweit ganz gut drüber ihre Kinder sind bei mir ich hab sie soeben zu Bett.
Karoline

 

[2. Nachtrag:]

Liebe Mutter!
Ich habe an Hartmann geschrieben du wirst es erfahren haben mit diesem Brief hat es sich ziemlich verweilt, thue wie du am billigsten durchkommst denn wir wollen nichts mehr sie sollen dir die Unkosten ersparen so viel sie kennen, sei so gut u[nd] theile die Bilder aus, welche ihr hoffentlich erhalten werdet, den zwei großen Bildern gehört 1 dir l[iebe] Mutter 1 meiner Schwiegermutter Frau Hauschel in Hall, u[nd] die 3 kleinen 1 dir Mutter, 1 F. Hauschel in Hall, u[nd] 1 im Hartmann, richte mit den Bildern viele Grüße aus u[nd] Schreibt alle recht bald. übergebe nach Hall Michael seiner Mutter unsere Adrese. Viele Grüße von uns allen Karolina Hauschel nebst Michael u[nd] Rose u[nd] Käthe u[nd] Edwin welcher jetzt 15 Monate alt wird, auf den 2 grosen Bilder war er 1 halb Jahr alt aber immer kränklich

[beiliegender Zettel mit Adressen:]

Heinrich Schüssler
Babette Schüßler
Wales Center
Erie County Stat New York
wir verzichten alle auf alles!

Michael Hauschel
Karoline Hauschel
255 Mills Str. Buffalo N.Y.

Friedrich Schock
Kunigunde Schock
50 Thomas Str.
Buffalo N.Y.

Michael Denk
Rosine Denk
1368 Broadway
Buffalo N.Y.


Text und Transkriptionen: Margret Birk, Daniel Stihler

Quellen:
allgemein:
* Stadtarchiv Schwäbisch Hall  31/ 3276

Friedrich (Fred) Schock und Familie:
* Staatsarchiv Hamburg, Hamburger Passagierlisten; Volume 373-7 I, VIII A 1 Band 249; Seite 2023; Microfilm No.: K_1824;
* USA Städteverzeichnis: Buffalo, Erie, New York, City Directory, 1927, 1929

Caroline Hauschel geb. Schock und Familie:
* Stadtarchiv Schwäbisch Hall 18/7181 (Realteilungsaufschub G. Hauschel), 18/11234 (Nachlassakten C. Hauschel)
* National Archives and Records Administration, Bureau of the Census. 16th Census of the United States, 1940. T627, 4,643 rolls. Census Place: Vernon, Crawford, Pennsylvania; Roll: T627_3477, Seite 5A; Enumeration District: 20-65; Jahr 1885;
* Ancestry.com Passagierlisten Ankunft New York, Mikrofilm Serial: M237, 1820-1897; Microfilm Roll: Roll 438; Line 20; List Number: 1136.

Katharina Margaretha Hoppe geb. Schock und Familie:
* National Archives and Records Administration , Bureau of Census. 12th Census, 1900. United States Federal Census. T623, 1854 Rollen.  Jahr 1900; Census Place: Buffalo Ward 10, Erie , New York; Roll: 1026; Seite 4B; Enumeration District: 0075; FHL microfilm:1241026; Jahr : 1920; Census Place: Buffalo Ward 13, Erie, New York; Roll: T625-1103; Seite: 1A; Enumeration District 101; Image: 139.

Rosine Denk geb. Schock und Familie
* Für Sohn Cornelius Denk: USA Städteverzeichnise, 1821-1989: Buffalo, New York, City Directory, 1950; US-Volkszählung1940: USA, Bureau of the Census, 16th Census of the United States 1940, Washington D.C.: National Archives and Records Administration, 1940. T627, 4,643 rolls. Jahr 1940, Census Place Buffalo, Erie, New York; Roll: T627_2830; Seite 61B; Enumeration District: 64-237.
* Für Sohn Edgar H. Denk: Jahr: 1940; Census Place: Cheektowaga, Erie, New York; Roll T627_2527; Seite: 2A; Enumeration District: 15-47. USA Bureau of the Census. 16th Census of the United States, 1940; Washington, D.C.  New York State Archives, New York: Abstrakte des Militärdienstes im 1. Weltkrieg, 1914-19 für Edgar H. Denk (database online)
* Rosa Denk geb. Schock: Jahr 1920; Census Place : Buffalo, Erie, New York; Roll: T625_1105; Seite: 17B; Enumeration District: 130; Image: 1014. USA National Archives and Records Administration, Washington D.C.; New York Passenger Lists, 1820-1957: Jahr 1932; Ankunft New York, New York; Microfilm Roll: Roll 5197; Line: 13; Page Number: 118. (via Ancestry.com); Find a Grave. (http:// www.findagrave.com/cgi-bin/fg.cgi:, accessed 1 February 2013

 

Abbildung: Ausschnitt aus dem Familienregister der Familie Schock mit Verweisen auf Wohnorte in den USA, Stand 1897, in Stadtarchiv Schwäbisch Hall 31/3276

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