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IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Johann Scheu

1869 – erste Schritte eines „Schwarzen Schafs“

Johann Scheu wurde am 8. April 1850 in Schwäbisch Hall in wohl recht bescheidenen Verhältnissen als Sohn des Ziegelknechts und Lumpensammlers Johann Michael Scheu geboren. Nach dem Tod des Vaters heiratete seine Mutter Magdalene Rosine geb. Koppenhöfer in zweiter Ehe den Schreiner Friedrich Kaiser, mit dem sie eine Reihe weiterer Kinder hatte.

1868 oder 1869 muss Johann, der das Schreinerhandwerk erlernt hatte, einen Diebstahl begangen haben, der in der Realteilung (= Nachlassteilung) seiner am 18. Juni 1869 verstorbenen Mutter erwähnt wird. Hier ist von 5 Gulden als „Ersatz für Geld Entwendungen des Sohnes, wegen welcher er gerichtlicht verurtheilt wurde“, die Rede. Daneben fielen 3 Gulden für „oberamtliche Untersuchungskosten“ – vermutlich dieses Kriminalfalls – an. Ob Johann Scheu aufgrund allgemeiner wirtschaftlicher Nöte oder ganz konkret in Reaktion auf diese Bestrafung den Entschluss zur Auswanderung fasste, wissen wir nicht. Eine Rechnung über die Ausstattung zur Auswanderung Friedrichs hat sich in den Unterlagen zur Realteilung seiner Mutter enthalten. Aufgelistet sind folgende Posten, die von seinem bescheidenen, 25 Gulden  (= fl) und 35 Kreuzer (= x) umfassenden Anspruch auf eine „großmutterliche Erbschaft“ abgezogen wurden:

1 Paar Stiefel 4 fl 30 x
3 Paar Hemden 4 fl 22 x
Auswanderungspaß 33 x
Auf Reisekosten 10 fl
„worunter 5 fl Geschenk“

Johann scheint um den 13. Februar 1860 abgereist zu sein und erreichte sein Ziel New York am 1. März 1869. Ein Brief, den er kurz darauf „nach Glücklich vollendeter Reise“ an die Mutter und den Stiefvater schickte, ist das einzige erhaltene Lebenszeichen. Johann berichtete darin von der Reise, seinem Leiden an der Seekrankheit, dass er nach seiner Ankunft „keinen Kreuzer mär“ hatte, und seine ersten Bemühungen auf dem Arbeitsmarkt der amerikanischen Metropole. Auf diesen Brief hin schickte der Stiefvater offenbar weitere 12 Gulden durch den Schwäbisch Haller Auswanderungsagenten Albert Gunzert nach New York. Der Kontakt nach Deutschland, wo seine Mutter bald nach seiner Abreise gestorben war, scheint dann aber schnell abgebrochen zu sein. Als ihm 1874 durch den Tod eines Onkels, des Taglöhners Johann Friedrich Scheu, ein kleines Erbe zuviel, vermerkte man beim Gerichtsnotariat, Johann sei „nach America ausgewandert u. verschollen.“ Auch der Verbleib seines Bruders Friedrich Scheu, einem 1869 von Ulm aus in die Schweiz gereisten Wagnergesellen, war unbekannt. Zu diesem heißt es, er sei „an unbekanntem Aufenthaltsort in der Fremde.“

 

Dokument 1: Undatierter Brief von Johann Scheu aus New York (vermutlich März 1869) an den Stiefvater Friedrich Kaiser und die Mutter Magdalene Rosine geb. Koppenhöfer in Schwäbisch Hall (aus: StadtA Schwäb. Hall 18/2690)

 

Liebe Eltern!
Mit Glücklich vollendeter Reise bin ich genöthigt euch theure Eltern zu wissen thun dass ich Glücklich in New York angekommen bin u. schon Arbeit habe bei dem Gärtner ich habe nicht sitzen bleiben können bis eine Stelle bei einem Schreiner  leer gewesen   ich bin nach New York gekommen u. habe keinen Kreuzer mär gehabt so habe ich meinen Koffer bei meinem Wirth lassen müssen bis ich Arbeit gehabt habe so hat es mein Gärtner bezahlt u. zieht es mir wieder ab. Ich habe die Seekrankheit so arg gehabt dass ich 13 Tag nicht vom Bett konnte 15 Tag sind wir auf dem Wasser gewesen u. sind am 1. März ankommen u. am 2. März habe ich Arbeit bekommen seit so gut u. schreibt mir Gleich wieder ob ihr meinen ersten Brif halten habt u. schreibt gleich  ob was ihr gethan habt.
Ich liebe euch theure Eltern Ich will mein Schreiben schließen mit der Hoffnung dass euch mein Schreiben bei solcher Gesundheit andrift wie es mich verlässt  Ich grüße euch alle herzlich besonders Frank u. Frau. Karl u. den guten Feucht  Gott wohle euch Segen u. Glück gebeten allenthalben.  
Die Adresse ist zu machen an Johann Scheu bei Gustavus Haase & Co.
 No. 120Greenwich Street New York

Text und Transkriptionen: Margret Birk, Daniel Stihler

Quellen:
* StadtA Schwäb. Hall 18/2690; 18/3596
* Genealogical Society of Utah: Oberamt Hall, Auswanderungsakten,1803-1876. Mikrofilm Nr. 59868

 

Abbildung: Ansicht von New York um 1860 (Briefkopf), in: Stadtarchiv Schwäbisch Hall 19/1028)

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