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IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Mary und Rose Fischer

1857 – zwei Waisenkinder in Philadelphia

Der aus Welzheim stammende Konditor Wilhelm Fischer war offenbar Waise. Im Archiv der Stadt Welzheim liegen Akten über seine Pflegschaft. Es könnte sein, dass er bei einem älteren Bruder lebte (siehe Brief der Maria Fischer von 1857). In Welzheim besaß er ein Haus mit „Conditor- und Kaufladen“.  Seine am 21. Februar 1824 in Schwäbisch Hall geborene Frau Susanna Katharina war eines von neun Kindern des Schlachtschauers Christian Peter Laidig und der Maria Rosina geb. Holch. Allerdings erreichten nur sie und ihr ältester Bruder Johann Friedrich das Erwachsenenalter. Der Vater starb 1831 im Alter von nur 42 Jahren, als Katharina sieben Jahre alt war. Die Mutter schloss 1833 eine zweite Ehe mit dem Salzsieder Jakob Friedrich Scheerer. Als das Paar am 25. November 1845 in Welzheim heiratete, brachte die Braut eine nicht unbeträchtliche Aussteuer an Kleidung, Möbeln und Schmuck in die Ehe mit ein, die im Beibringensinventar auf 1.683 Gulden taxiert wurde. Mit dem Vermögen Wilhelms kam das Ehepaar auf einen Besitz im Wert von über 5.000 Gulden. Das Paar hatte bei seiner Verheiratung deshalb sicher genügend gute Voraussetzungen für eine sichere Existenz. Dass sie dennoch ausgewandert sind, mag auch an der besonderen Zeit gelegen haben: Unzufriedenheit um politische Freiheiten und Teuerung, die zu einer besonders großen Auswanderungswelle um die Jahre 1849/50 führten. Jedenfalls reisten Wilhelm und Katharina Fischer mit ihrer am 19. Mai 1847 geborenen Maria Rose (oder Rosina, später meist Maria oder Mary genannt) nach Amerika, „ohne auszuwandern“, d.h, ohne auf ihre württembergische Staatsbürgerschaft zu verzichten.

 

In der Federal Census Akte der USA von 1850 wird die Familie als wohnhaft in Spring Garden Ward 1 in Philadelphia aufgeführt, noch ohne die etwas später geborene Tochter Rose, die am 24. Juni 1850 zur Welt kam. Die Fischers hatten es anfangs wie die meisten  Auswanderer nicht leicht, Fuß zu fassen und Wilhelm bemühte sich, mit fleißiger Arbeit möglichst viel Geld zurückzulegen, um den Traum vom eigenen Geschäft zu verwirklichen. Katharinas Brief an die Eltern in Hall vom Januar 1852 erzählt davon, aber besonders liebevoll von ihren beiden kleinen Mädchen Marie und Rose. Deutlich wird auch, dass sie an den Schwäbisch Haller „Stadtneuigkeiten“ lebhaft Anteil nahm. Interessant ist ihr Bericht von der Ankunft des „Michel“ (wohl eines Verwandten), der verfroren und erschöpft erst am 24. Dezember 1851 in Philadelphia ankam, nach einer Schiffsreise von 88 Tagen und nachdem man schon seit elf Wochen auf ihn gewartet hatte. Doch im August 1853 traf die Familie der erste Schlag mit dem Tod von Katharina. Sie starb im Alter von nur 29 Jahren an Typhus (laut Zertifikat des Health Office von Philadelphia). Für den Witwer nahm die Belastung dadurch noch zu und führte in den nächsten Jahren zur Schwindsucht. Gute Gesundheit war für Einwanderer aber Voraussetzung, um das Arbeitsleben in Amerika erfolgreich zu meistern. Für Wilhelm kam das Ende im August des Jahres 1857, nachdem Krankheit und Arbeitslosigkeit Besitz und Ersparnisse der Familie aufgezehrt hatten. Er starb fast genau vier Jahre nach Katharina und wurde am 9. August auf dem Odd Fellows Friedhof in Philadelphia begraben.

 

Zurück blieben zwei kleine Waisenmädchen, die von ihrem Vater wohl in einem Heim untergebracht worden waren. Zuletzt hatte er das notwendige Geld (1,5 Dollar pro Woche) hierfür nicht mehr aufbringen können. Es drohte die Unterbringung im Waisenhaus und die Abgabe der Kinder an Menschen, die sie vor allem als billige Arbeitskräfte betrachteten und ausbeuteten. Der 1857 geschriebene Brief der Maria Fischer, einer älteren Base (Kusine) der Mädchen, berichtet ausführlich davon. In ihren beiden Schreiben von 1857 und 1858 erzählt sie von ihren Bemühungen, die beiden Kinder gut für die Zukunft unterzubringen, denn sie selbst müsse für ihren eigenen Erfolg sorgen. Sie plane ein Weiterwandern nach Kalifornien. Rose wurde von einem wohlhabenden amerikanischen Ehepaar an Kindes Statt angenommen. Schwieriger scheint es für Maria („Mary“) gewesen zu sein, die aber 1858 ebenfalls bei einer angloamerikanischen Familie eine Heimat gefunden hatte. Ein kleiner Gruß von der Hand der zehnjährigen Mary an ihre Großmutter Dorothee Fischer in englischer Sprache von 1859 hat sich in den Akten des Stadtarchivs erhalten. Die Verbindung der beiden zur Familie in Deutschland scheint trotz dieses Kontaktversuchts abgerissen zu sein, denn als 1864 die Großmutter in Schwäbisch Hall starb, war ihr Verbleib nicht mehr bekannt. Die Verwaltung des ihnen zugefallenen Erbes übernahm der Welzheimer Stadtpfleger (Kämmerer) Michael Munz. Erst 1872 meldete sich ein deutschstämmiger Anwalt aus den USA in Welzheim,  der - so sein erstes Schreiben - „ein junges Frauenzimmer, namens Mary Rosina Glas“ vertrat und versuchte, herauszufinden, was mit dem ererbten Vermögen geschehen war. Seine Mandantin lebte in Johnstown (Pennsylvania) und war mittlerweile mit James Glass verheiratet, offenbar einem Angloamerikaner. Bald darauf ging in Welzheim auch eine Vollmacht ihrer Schwester Rosa ein, die zu diesem Zeitpunkt „ledig, volljährig, ohne Gewerbe in der Stadt Philadelphia wohnhaft“ war. Das den Geschwistern zustehende Vermögen wurde über das Stuttgarter Bankhaus Pflaum & Co. in die USA transferiert. Über das weitere Leben von Mary und Rose ist noch nichts bekannt.

 

Dokument 1: Brief von Katharine Fischer aus Philadelphia an Jakob Friedrich und Marie Rosine Scheerer in Schwäbisch Hall vom 4. Januar 1852 (aus: StadtA Schwäb. Hall 18/1846)

 

Philadelphia den 4ten Januar 1852
Liebe Eltern, Geschwister u[nd] Schwägerin !
Zuerst unseren Glückwunsch zum neuen Jahr an Euch Alle, Gott möge Euch in diesem Jahr vor Krankheiten u[nd] sonstigem Mißgeschick bewahren.
Liebe Mutter! wie wir aus Ihrem letzten Brief (welchen wir durch den Michel erhalten) mit bedauern ersehen, so hatte der Vater letztes Jahr ein recht harte Krankheit zu überstehen, da Er sich aber bey Ihrem schreiben, schon wieder auf der Besserung befunden, so hoffen wir, unser Brief werde Ihn und Euch Alle bey gutem Wohlseyn treffen, was uns betrifft, so sind wir Gott sey dank  auch alle gesund u[nd] das Marile ist seitdem recht groß aber auch recht bös geworden, unsere kleine das Rößchen läuft schon seit dem 13ten Monat alles aus allein, auch fängt sie jetzt an zu sprechen, wo sie einem alles nachsagen will, was oft recht komisch heraus kommt u[nd] wodurch wir viel Spaß mit ihr haben, ich wünsche mir oft Ihr möchtet sie nur sehen denn sie sieht mit jedem Tag Ihr l[ieben] Mutter ähnlicher u[nd] besonders wenn sie lacht meine ich oft Sie vor mir zu sehen, wir hoffen wenn die Kinder gesund bleiben Euch nächstes Jahr ihr Porträt zu schicken, auch hätte es uns recht gefreut wenn wir die Euren l[ieben] Eltern erhalten und wir würden sie trotz den bleichen Gesichtern wie der Vater bemerkte erkannt haben, aber ich denke es gebe vielleicht bald wieder Gelegenheit wo Ihr uns solche zukommen lassen könnt. Was das Präßent betrifft so muß ich gestehen daß das Marile sich nur auf etwas freute u[nd] auch den Michel ( welcher gerade in den Christfeiertagen hier ankam) sogleich fragte ob er nichts von der Großmutter für sie habe, aber nichts großartiges erwarteten wir nicht u[nd] das kleinste Geschenk würde so viel Freude gemacht haben als das größte, wenn es nur von Euch gekommen wäre, ich bitte Euch aber mit ja nicht übel zu nehmen daß ich Euch dieses schreibe, denn Euer l[ieber] Brief machte uns so viel Freude denn sonst etwas. Was unsre Verhältnisse anbelangt , so können wir uns wirklich nicht beklagen, denn mein l[lieber] Wilhelm hat immer Beschäftigung u[nd] wird auch recht gut bezahlt, freilich bekommt  man auch in Amerika nichts umsonst, denn er Muß arg hart arbeiten u[nd] muß sich viel gefallen laßen, aber wir denken es werde doch nicht ewig so dauern u[nd] hoffen es bald vielleicht auch wieder zu einem Eigenen wenn auch im Anfang kleinen Geschäft zu bringen.
L. Eltern! Ihr habt gewiß schon längst auf Nachrichten von uns gewartet, aber da wir den Michel erwarteten, so wollten wir nicht eher schreiben u[nd] dieser kam erst nachdem er 88 Tage von Antwerpen auf dem Wasser war den 27ten Dez[ember] hier an , er war in allem 16 Wochen auf der Reise u[nd] war beynahe ganz zusammen gefroren als er zu uns kam, wir wußten oft gar nicht mehr was wir denken sollten da wir schon 11 Wochen Nachricht hatten daß er komme.
L[iebe] Mutter Ihre Briefe habe ich alle erhalten, aber den von Bärs Sophi[e] p[e]r Post von Neu =jork [= New York] er freute mich recht, nur berichtete Sie mir so viel Stadtneuigkeiten, welche mich immer viel interesieren u[nd] bemerkte gar nichts von der Marie dem Fritz seiner Frau u[nd] Kindern oder unsere sonstigen Verwandten worauf ich mich immer freue etwas zu erfahren; daß die l[iebe] Schwägerin wieder glüklich entbunden worden, freute mich recht herzlich, aber mit bedauern habe ich gelesen daß sie nachher einige Zeit ziemlich unwohl war, ich laße Sie u[nd] den Fritz recht herzlich grüßen u[nd] wünsche mir manchmal nur auch ein wenig bey Euch seyn zu können aber für wirklich müßen wir eben noch unsere Wünsche aufschieben, wenn Gott will sehen wir uns vielleicht doch noch einmal. Es beruhigte mich recht, daß die l[iebe] Mutter doch jetzt selbst unseren Entschluß ( so schnell nach Amerika gegangen zu seyn) billigt, mit bedauern erfährt man von überall daß es so traurig bey Euch aussieht u[nd] daß alles wieder so theuer wird, bey uns wird zwar das Sach auch immer theurer, aber aber doch ist es immer noch besser wie draußen, wenn man einmal ein paar Jahr im Land ist.
L[iebe] Mutter sie schreibt mir auch in demselben Brief, ich ich erhalte einen Brief durch L. Bobler vom Fritz was aber seitdem nicht geschehn u[nd] ich denke sie ging von Neu-jork nach St. Louis u[nd] kam nicht hierher u[nd] ich  freute mich deshalb vergeblich.
Liebe Eltern! ich möchte so vieles fragen u[nd] muß mich doch so kurz faßen daß ich unmöglich an alles kommen kann u[nd] deßhalb nur noch bitten will Sie l[iebe] M[utter] möchte mir doch recht bald wieder schreiben u[nd] mir auch berichten wie die l[iebe]  Maria der Fritz seine l[iebe] Frau u[nd] Kinder Herrn Holchs, Gunzerts, Wielands u[nd] alle sonstige Verwandten sich befinden, es ist mir unmöglich sie alle bey Namen zu nennen u[nd] Ihr wißt ja wohl wen ich meine, seyd  auch so gut u[nd] grüßt Alle recht herzlich von uns, auch mein Döthle die Karoline Krauß, es würde mich recht freuen, wenn ich einmal ein Briefchen von ihr bekäme, sie ist seitdem gewiß recht groß geworden. Mein l[ieber] Wilhelm welcher wirklich so wenig Zeit zum schreiben hat, läßt Euch Alle  auch recht herzlich grüßen u[nd] besonders seyd recht herzlich grüßt von
Eurer dankbaren
Katharine Fischer
adreße wie immer

Der Mari gratuliren wir noch besonders zum neuen Jahr u[nd] wünschen Sie möchte in diesem Jahr einen recht hübschen u[nd] braven Mann bekommen.
Viele Grüße von Eurem Marile
Viel Grüß von der Roße

 

Dokument 2: Brief von Mary Fischer aus Philadelphia an Jakob Friedrich und Marie Rosine Scheerer in Schwäbisch Hall vom ?. Oktober 1857 (aus: StadtA Schwäb. Hall 18/1846)

 

Philadelphia den    Oct. 1857

Wertheste Freunde
Ich habe Ihnen die traurige Nachricht mitzutheilen daß mein werther Onkel den 8ten August an der Schwindsucht gestorben ist . Es trifft mich hart wir waren wie ein Bruder und Schwester, wir wurden miteinander aufgezogen. Er kränkelte schon seit ein paar Jahren, aber er konnte immer arbeiten, obwohl es ihn hart genug ankam, bis uhngejähr ½ Jahr ehe er starb wurde er so schwach daß er nicht mehr arbeiten konnte, sein Geld was er sich erspahrt hatte brauchte er in seiner Krankheit wenn er noch arbeitete brauchte er manch[e]smal mehr als wie er verdiente for Doktor und Apothe[ke] for die Kinder hat er immer 1 ½ Thlr [Dollar] die Woche bezahlt als er aber so schlecht wurde, lies an ihn die Vorsteherin der Anstalt sagen er brauche nichts mehr zu bezahlen sie wollen  die Kinder umsonst  behalten, er war nun eine große Sorge loß wenn er es hörte,  u[nd] wie gut ist es daß seine Frau vor ihm starb, was wollte sie anfangen mit den armen Kindern wirklich wo alles so theuer ist hier, sie mußte ein hartes Leben führen. Letzte Woche erhielt ich die Nachricht daß sie die Kinder nicht mehr behalten wollen in der Anstalt weil sie nicht genug Geld bekommen was sie brauchen darum müßen sie Kinder nehmen, wo bezahlen können, sie thaten die Marie auf einen Platz sehr ordentliche Leute wo sie aufgezogen wird, u[nd] wann sie 13 Jahr ist , lernt sie das Putzmachen, es ist ein Hutladen wo sie ist, es gefällt ihr so gut dort, ich gehe immer so oft ich freie Zeit habe zu ihr, letzten Sonntag verbrachte sie in unserem Haus, das arme Kind hat keinen Menschen der sie gern hat als mich. Die Rosa ist noch in der Anstalt, ich muß jede Woch ½ Dollar für sie bezahlen, was sehr wohlfeil ist sonst käme sie ins Waisenhaus u[nd] das wollte ich nicht haben, weil ein jedes wo will kann sich dort ein Kind hernehmen u[nd] werden die Verwandten nicht gefragt ob es ihnen gefällt oder nicht, u[nd] die Kinder müßen dann bleiben bis sie 18 Jahr alt sind alles was sie verdienen for den 18 J[ahren] gehöhrt den Leuten zu welchen sie verbunden sind u[nd] werden manchmal schlecht behandelt. Die Maria ist auch verbunden aber ist wie ein Kind in der Familie u[nd] erlernt ein Geschäft sie ist versorgt genug jetzt, ich habe Maria das Porträt von ihrem Onkel Hr. Laydig [= Johann Friedrich Laidig, der Bruder der Mutter] gegeben welches schwarz ist u[nd] sie fragte mich ob denn ihr Onkel ein  Neger sei  sie ist erst zehn Jahre alt aber sehr geschickt sie  ließt sehr gern, die Leute haben sie recht gern wo sie ist. Wenn nur die Rosa ein paar Jahre älter wäre daß man sie auch versorgen könnte. Ich habe die zwei Kinder gern u[nd] sie mich, sie sind immer froh wenn sie mich sehen. Ich hoffe sie sind alle gesund wie wir auch Seien sie so gut u[nd] schreiben Sie mir auch wie es Ihnen Allen geht. Leben Sie wohl

Mary Fischer


Herrn Fr. Scheerer
in
Hall

 

Dokument 3: Brief von Mary Fischer aus New York an Jakob Friedrich und Marie Rosine Scheerer in Schwäbisch Hall vom 16. November 1858 (aus: StadtA Schwäb. Hall 18/1846)

 

New York den 16. Nov. 1858

 

Werthe Freunde!
Es ist mir leid Ihnen so lange nicht geschrieben zu haben allein ich wollte Ihnen nicht schreiben bis ich mehr gewiß war mit den Kindern. Die Rosa hat eine gute Heimath seit letztem Frühjahr u[nd] ich hoffe für immer denn sie wurde als eigen angenommen bei wohlhabenden Amerikanern die keine Kinder haben, aber die Maria hat mir sehr viel Mühe gemacht. Sie ging immer von einem Platz zum anderen u[nd] darum habe ich nicht bälder geschrieben denn  es würde auch nichts helfen Sie in Unruhe zu setzen denn auf einem schlechten Platz wollte ich sie nicht lassen u[nd] wenn sie einen guten Platz hatte wollte sie sie nicht behalten, jetzt hat sie einen guten Platz, sie wird wie ein eigenes Kind behandelt u[nd] wie ich das letzte Mal dort war hatten sie sie sehr gern, sie sagten mir sie wollen sie erziehen u[nd] wenn sie 16 Jahr alt sei wollen sie sie das Nähen lernen lassen, ich bin nicht mehr in Philadelphia sondern in New York aber wir schreiben einander. Sie kann schon ganz gute Briefe schreiben aber nicht deutsch sonst hätte sie Ihnen schon lange geschrieben; sie spricht immer von Ihnen sie hätte Ihnen schon lange geschrieben aber ich sagte Sie könnten ja doch nicht englisch lesen u[nd] so würde ihr Schreiben nicht viel nützen, ich hätte Ihnen schon lange gern die Bilder von beiden Kindern geschickt allein ich hatte keine Gelegenheit  sie alle aufnehmen zu lassen denn sie waren den ganzen Sommer im Land. Die Maria ist wieder in Philadelphia aber da sie mich so viel Geld kosteten seit ihr Vater tod ist konnte ich es nicht wohl thun. Die Rosa hat eine gute Heimath die Leute welche sie genommen haben sind Quäker u[nd] die Quäker gehören zu den angesehensten Leuten in Amerika sie sind beinahe alle reich, u[nd] ich wünsche mir manchmal daß sie beide Kinder sehen könnten wie gut sie aussehen, sie würden gewiß zufrieden sein, sie sind beide hübsche Kinder besonders die Maria die gleicht ihrem Vater u[nd] Großmutter Vaters Seite darum machte sie uns auch so viel Mühe sie spricht zu viel, aber sie ist ein sehr geschicktes u[nd] kluges Mädchen sie ließt alles was ihr unter die Hände kommt, ich habe ihren Leuten gesagt auf sie Acht zu geben daß sie keine Romane zu lesen bekommt, sie ist bei sehr ordentlichen Leuten, [sie]  haben nur eine Dochter sie ist wie einen Schwester zu der Maria sie schlafen beisammen. Er [der Vater] ist Uhrmacher u[nd] Goldarbeit[er]  beide Amerikaner, sie können immer von ihnen hören durch mich, wenn ich auch nicht mehr in Philadelphia bin denn ich schreibe immer zu ihr u[nd] zu Rosas Leuten, die Rosa ist auch ein hübsches Mädchen, sie hat ein so freundliches Gesicht sie ist das Gegentheil von Maria sie hat blaue Augen u[nd] hellblondes Haar u[nd] ist immer so still u[nd] ruhig was die Maria zu viel spricht, spricht sie zu wenig, sie ist ihrem Onkel in Hall sehr ähnlich sie hat die nämliche Nase u[nd] Mund, sie sieht ihm mehr ähnlich denn sonst jemand, ihre Mutter sprach oft davon, ich habe ihr sein u[nd] ihrer Tante Maria Bild gelassen mit dem kleinen Konrädchen u[nd] andere Kleinigkeiten welche ich unter ihres Vaters Sachen sah, ich hätte es gerne der Maria gelassen weil sie die eldeste ist, aber bei der Rosa wird es besser in Acht genommen, kein einziger Ring war darin als meiner Großmutter Hochzeitsring sie verkauften alle wie sie noch lebten  die Granate [= Schmuck] fand ich u[nd] habe sie in Philad[elphia] gelassen für die zwei Mädchen wenn sie groß sind daß sie auch ein Andenken von ihrer Mutter haben jetzt sind sie noch zu klein. Dr Gardeners besuchen immer alle zwei Mädchen u[nd] sie dürfen nicht unruhig sein daß ich nicht mehr in Ph[iladelphia] bin denn es ist viel besser für Maria jetzt weiß sie daß sie bleiben muß u[nd] jetzt daß ich meine Pflicht an ihnen gethan habe u[nd] genug Geld an sie verwendet habe will ich auch an mich selber denken u[nd] nach Californien gehen um mir etwas Geld ersparen zu können es kam mich freilich hart an als ich Abschied von ihnen nahm denn ich habe sie sehr gern aber ich muß auch an meine Mutter denken u[nd] meinen kleinen Bruder der auch keinen Vater mehr hat ich habe sie schon über ein Jahr ganz vernachlässigt u[nd] ihnen gar nicht geschrieben weil ich immer mit den Kindern beschäftigt war schreiben sie mir auch wie es Ihnen Allen geht in meiner Mutter nächstem Brief ich höre nie nichts von Ihnen, u[nd] so lange ich hier bin habe ich nichts von der Marga gehört, ich hoffe sie sind alle gesund.
ich grüße sie Alle herzlich
Maria Fischer

Herrn
Friedr. Scheerer
beim steinernen Steeg
Hall
Württemberg

 

Dokument 4: Brief von Maria Rosa Fischer in Philadelphia an die Großmutter Marie Rosine Scheerer in Schwäbisch Hall über (die Tante?) Dorothee Fischer in Welzheim, 24. Mai 1859, mit Übersetzung und Begleitschreiben (aus: StadtA Schwäb. Hall 18/1846)

 

Philadelphia May 24 th 1859

My Dear grandmother
I now take my pen in hand to write you a few lines and let you know  how i am. My Cousin and myself and sister are all very well i will not write but a few lines to you till we become better acquanted with each other. My Cousin brought me down to town to day to get my light[….] [= unleserlich, sinngemäß Fotografie] to send to you for I live in the county [county = Bezirk] and I[‘]m going to stay there till i am 18 years old i wish i had money enough to get a good learning. With [that] i must close my letter  ...  
your affectionate  granddaughter
Marie R. Fischer

Übersetzung:
Meine liebe Großmutter,
 Ich nehme nun die Feder zur Hand, um Ihnen einige Linien zu schreiben und Ihnen mitzutheilen, wie ich mich befinde. Mein Vetter (Base ?) [gemeint ist die Kusine Mary Fischer], ich selbst und meine Schwester sind ganz wohl. Ich will Ihnen nur einige Linien schreiben, bis wir besser miteinander bekannt sind. Mein Vetter brachte mich heute in die Stadt damit ich meinen Lebensunterhalt in seiner Nähe verdienen  .... ( hier sind 3 ganz unleserliche Wörter); denn ich lebte auf dem Lande, und ich werde hier bleiben, bis ich 18 Jahre alt bin. Ich wünschte Geld genug zu haben, um etwas Rechtes zu lernen. Ich muß jetzt meinen Brief schließen.
Ihre Sie liebende Enkeltochter
Marie R. Fischer

Geometer Fischer Wittwe
Welzheim
K. Württemberg Deutschland
Europa

Eberhardtsweiler den 24ten Juli [18]59

Wertheste Freunde
Hier schicke ich die zwei Bilder von Amerika ich habe sie schon vor 14 Tag erhalten aber ich habe gedacht ich wolle sie behalten bis der Hafner Kaiser nach Hall gehe ich möchte wohl auch wissen was das Marile geschrieben hätte ich habe es wohl Lesen lassen aber sie haben es nicht recht gekonnt ich will der Marie ihren Brief auch mitschicken sie können ihn ja dem Hafner wieder mitgeben ich wäre dißmal gern selbst mit nach Hall gegangen aber wirklich kann ich nirgends mehr hin . Sie werden wohl auch eine Freude haben an den Mädchen aber ich meine sie sehen so alt aus. Wenn sie nur da wären vielleicht es wäre besser man kann es aber nicht sagen wenn sie der Herr nur gesund läßt das ist der größte Reichtum in der Welt.

ich grüße Sie herzlich
Dorothee Fischer.

Text und Transkriptionen: Margret Birk, Daniel Stihler

Quellen:
* Stadtarchiv Schwäbisch Hall 18/1846; Mikrofilm KB 1393, Bd. 67, Bl. L 86
* Archiv der Stadt Welzheim: (Bände 1694-1980) Nr. 1280; WzA 1119 (Welzheim Akten) Pflegschaftsakten von Wilhelm Fischer, Conditor, Sohn des Johannes Fischer, Staabspfleger, 1844 ff. Nr. 84 (durchgängige Nr. 141 (blau); WzA 1299 (Pflegschaftstabelle Nr. 181 (durchgängige Nr. 472 (blau))
* Pennsylvania, Church and Town Records, 1708-1985 record for William Fisher;
Jahr 1850, Gebiet der Volkszählung: Spring Garden Ward, Philadelphia, Pa.: M 432-818, Seite: 326A; Bild: 91. Seventh Census of the USA, 1850

Abbildung: Anfang des Briefs von Maria Rosina Fischer an ihre Großmutter, in StadtA Schwäb. Hall 18/1846

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