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IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Margarethe Schlotz geb. Schwarz

1888 - die Sehnsucht nach der Heimat

Margarethe Schwarz wurde 1852 als Tochter des Sulzdorfer Schneiders Leonhard Schwarz und der Katharina geb. Schmidt geboren. 1868 starb ihr Vater, und ihre Mutter heiratete in zweiter Ehe den Maurer Jakob Sturm. 1874 bekam Margarethe ein uneheliches Kind, ihren Sohn Karl, als dessen Vater sie in einem ihrer Briefe „Fritz Weidner“ bezeichnet. Da dieser Name mehrfach vorkommt, ist der Kindsvater nicht mit Sicherheit zu identifizieren. 1877 entschloss sich Margarethe Schwarz, in die USA auszuwandern. Die Motive sind nicht bekannt, aber sicher war es die in ähnlichen Fällen häufig geäußerte Hoffung auf ein „besseres Leben.“ Mit der Mutter einigte sich auf einen Teilverzicht auf das ihr zustehende väterliche Vermögen (200 Gulden nahm sie als „Reisegeld“ mit), im Gegenzug verpflichtete sich das Ehepaar Sturm zur Fürsorge für ihren Sohn Karl, den sie in Sulzdorf ließ. Eine entsprechende Vereinbarung beurkundete das Sulzdorfer Schultheißenamt (Dokument 1).

 

Zu einem bislang nicht bekannten Zeitpunkt heiratete sie den als „labourer“ (Arbeiter) bezeichneten Johann Gottlieb („John G.“) Schlotz, mit dem sie mindestens ab 1881 in Canton, Ohio, in der 41 Dunbar Street lebte. Margarethe Schlotz legte offensichtlich – und im Gegensatz zu anderen Auswanderern – großen Wert auf den Kontakt zu ihrer Familie in Deutschland, wie ihre erhaltenen Briefe zeigen (Dokumente 2-4). 

 

Margarethes Mutter Katharina Sturm starb 1888 an einer Krebserkrankung, während der sie ihr Mann nach dem Zeugnis des Schultheißenamts aufopferungsvoll gepflegt hatte. Dass Margarethe dem Stiefvater näher stand als der Mutter, zeigt der Satz, den sie offenbar auf eine Klage Jakob Sturms über die fehlende Dankbarkeit seiner Frau schrieb. Er solle sich nicht grämen, denn „den von keinem Dank hat sie nie gewußt“.

 

Margarethe bot ihrem Sohn und ihrem Stiefvater an, zu ihr in die USA zu kommen, machte aber keinen Hehl aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten: „es sind so viele Menschen ohne Arbeit oder nuhr die halbe Arbeit aber wen ihr komen wolt für euch selbst so seit ihr willkommen“.  Sie sagte ganz klar, dass sie – sicher auch angesichts der von ihr immer wieder geschilderten wirtschaftlichen Schwierigkeiten – lieber in die Heimat zurück kehren würde. „Wehre ich allein so würde ich sogleich zu eich komen den es hat mihr noch kein Stunde in Amerika gefallen aber mein Man will nicht hinaus“. Diese Sehnsucht nach der Heimat zeigt sich auch an lebhaften Interesse an Neuigkeiten aus dem Heimatdorf, die sie in ihren Briefen an den Stiefvater kommentierte. Eine wichtige Rolle spielte natürlich auch ihr Sohn, zu dessen Zukunftsplänen sie sich in allen Briefen äußerte.
Karl Schwarz machte ab ca. 1888 eine Lehre als Schuhmacher in Vellberg. Im „Spätjahr“ 1891 reiste er zur Mutter in die USA – von seinem Pfleger Johann Hartmann erhielt er hierfür 320 Mark aus dem Vermögen seiner Großmutter – und ließ sich hier dauerhaft nieder. Sein restliches Geld ging nach Erreichen der Volljährigkeit 1896 an seinen mittlerweile in Oberfischach lebenden Stiefgroßvater, der es wahrscheinlich in die USA transferierte. Während über das weitere Leben von Margarethe Schlotz nicht mehr viel bekannt ist, wissen wir, dass sich ihr Sohn eines langen Lebens erfreute. Er starb 1958 im Alter von 84 Jahren als Witwer in Canton.

 

Dokument 1: Vereinbarung zwischen Margarethe Schwarz einerseits, ihrer Mutter Katharina Sturm verwitwete Schwarz und ihrem Stiefvater Jakob Sturm andererseits über das Margarete Schwarz zugefallene Vatergut, Sulzdorf 1877 (aus: 31/3193)

 

Auszug aus dem Gemeinderathsprotokoll [von Sulzdorf]  in Gerichtlichen Gegenständen Bd IV Seite 209 bis 211.

Zur Verhandlung kommen heute folgende Gegenstände vor den Gemeinderath
§ 1
Nach der Eventualtheilung des am 23 Mai 1868 verstorbenen Schneiders Leonhardt Schwarz dahier sind dessen einziges Kind Margarethe Schwarz geboren am 15. Febr. 1852 als Vatergut 288 fl [= Gulden] 18 x [= Kreuzer] zugefallen.
Zu dem Vatergut gehört oder ist unter dasselbe begriffen:
Ein Drittheil der nach Ev[entual-]Theilung unter der Verlassenschaft im Anschlag der Liegenschaft von  1260 fl mit 420 fl
Die hinterlassene Tochter des Schwarz, welche nun volljährig undselbst verwaltungsfähig ist, beabsichtigt nach Amerika auszuwandern und verlangt dazu ihr Vatergut von ihrer nun an Jakob Sturm Maurer dahier verheiratheten Mutter, der früheren Witwe Schwarz geborene Schmidt. Dieselbe hat aber ein außerehlich erzeugtes Kind namens Carl Schwarz, geboren am 21. Januar 1874, de[n]  sie bei ihrer Auswanderung ihrer vorgenannten Mutter zurük lassen will.
Die Margarethe Schwarz und die Jakob Sturm’schen Eheleute wurden daher auf heute Vormittags zur Erledigung vorgenannter Sache vorgeladen worauf sie in Person erschienen sind.  Nach vorangegangener Auseinandersetzung des Sachverhalts kam heute zwischen der Margarethe Schwarz und ihrer an Jakob Sturm verheiratheten Mutter mit dessen
Zustimmung folgendes  Uebereinkommen zustande:
1. die Jakob Sturm’schen Eheleute verpflichten sich hiemit ihrer genannten Tochter respt .Stieftochter Schwarz für ihre sämtlichen Vatergutsansprüche in welchen Größen Betrag sie jezt sind oder durch eine spätere Theilungs Verhandlung sich etwa erhöhen könnten zu ihrer Auswanderung nach Amerika zweihundert Gulden gleich 342 M 86 Pf baar auszufolgen, wogegen
2. die Margarethe Schwarz nicht nur auf alle etwaigen weitere Vatergutsansprüche andurch [?] förmlich verzichtet, ihrer Mutter den ihr bisher zugestandenen Eigenthums Anspruch ad 1/3tel wie er in der Eventualtheilung ihres Vaters enthalten ist, überlässt, sondern auch auf ihre künftigee mütterliche Erbschaft zu Gunsten ihres unehelichen vorgenannten Kindes verzichtet.
3. die Jakob Sturm’schen Eheleute machen sich verbindlich, das Kind ihrer Tochter auf ihre Kosten gehörig zu erziehn und geben zu, daß dieselbe ohne ihr Kind nach Amerika auswandert.
4. Beide Theile verzichten auf alle  gegen diese Ueberinkunft vorgebracht werden kommenden Einwände
(spätere Anmerk.) Die Margarethe Schwarz ist unverheirathet nach Amerika ausgewandert.

Margarethe Schwarz
Katharina Sturm
Jakob Sturm

 

Dokument 2: Brief von Margaretha Schlotz geb. Schwarz aus Canton (Ohio) an die Mutter Katharina Sturm, den Stiefvater Jakob Sturm und den Sohn Carl Schwarz in Sulzdorf, 18. Mai 1888  (aus: 31/3193)

 

Canton  18 Mai 1888
Liebe Eltern u. Sohn
Ich theile euch mit das ich eihren Brief erhalten habe u. mache meinen herzlichen Dank für den Brief von Karl.
Liebe Eltern was den Karl antrift da mißt ihr handeln wie ihr wolt den ihr seit bei ihm u. wißt zu was das er eine Freide hat, aber laßt ihn ja nichts lernen wozu er keine Lust hat das wißt ihr am beßten ihr seiht bei ihm nicht ich u. was das Lehrgelt anbetrieft  das wird sich  schon machen wen ihr es nicht bezahlen könt so müßten wihr es schicken.
Liebe Eltern das freit mich das der Karl etwas gelernt hat Liebe Eltern ihr braucht ja nicht für mich zu sorgen ich habe noch nichts gewolt sorgt für eich selber u. wen ihr alles verbraucht  was ihr habt u. wen die Mutter stirbt so gehert alles was noch vorhanden ist dem Vatter, das freite mich so auch einmal es was zu hören von Vater den ich habe imer gedacht ich wehre die ganze Stieftochter bei ihm angesehen u. wen der Karl einmal Lußt hat zu seiner Mutter u. Vater zu komen so ist er imer wilkomen u. mit der Mutter auch  es ist jetzt schönes Wetter und wen kein Froßt mehr komt so gibts auch wieter Obst u. mit dem Geschäft es wird viel gebaut aber auch genug Menschen  Ich will schließen u. grüße euch alle  Bekannte u. Anverwandte u. Bäwete u. ihre Tochter von Gottlieb Margaretha Schlotz u. nochmals viele Herzliche Grüße an Vater u. Mutter Karl Schwarz von Margaretha Gottlieb Schlotz
Ich hoffe auf baldige Antwort u. eier Bild.

Herrn
Gottlieb Schlotz
41 Dunbar Str.
Canton Stark County
Ohio

 


Dokument 3: Brief von Margaretha Schlotz geb. Schwarz  aus Canton (Ohio) an den Stiefvater Jakob Sturm und den Sohn Carl Schwarz in Sulzdorf, 7. Dezember 1888  (aus: 31/3193)

 

Canton den 7 Dezember 1888
Geliebter Vatter u. Sohn
Mit einigen Zeilen will ich euch benachrichtigen das wihr eihren Brief erhalten haben und daraus ersehen was sich bei euch zugetragen hat. Lieber Vatter u. Sohn ich mache meinen herzlichen Dank für die Mühe u. Sorgfalt die du der Mutter erwißen hast mach dir deshalb keine Sorgen u. Kummer wenn die Mutter es dier nicht verdankt hat den von keinem Dank hat sie nie gewußt.
Du schreibst mihr ich werde es wohl wißen was ich zu thun habe bei der Ernßt Angelegenheit  nein das weis ich nicht das mußt du mir deitlicher schreiben da ich auf alles verzichtet habe wo ich von der Heimat fort bin den da habe ich immer gemeint ich habe nichts mehr zu fordern bei eich oder wen ich noch etwas bekommen hätte so behalte es für die Mühe u. Sorge die du gehabt hast die du an der Mutter u. meinem Karl gehabt haßt. Lieber Vatter ich kan es gar nicht begreifen für was ich eine Vollmacht schicken soll wo ich den gar nicht weis um was es sich handelt den ich habe gedacht die Mutter habe voll alles gebraucht in ihrer langen Krankheit u. wen ihr noch etwas habt so behalte du es den ich verzichte auf alles oder wen Karl beim Handwerk bleiben kan so bezahle sein Lehrgeld damit u. gib acht auf ihn so lange ehr in der Heimath ist. Lieber Vatter oder wen er dier zu viel Sorge macht u. er will zu seiner Mutter nach Amerika komen so schike ihn mihr nur aber zwinge ihn nicht wehre ich allein so würde ich sogleich zu eich komen den es hat mihr noch kein Stunde in Amerika gefallen aber mein Man will nicht hinaus
Lieber Vatter ich würde schreiben ihr solt alle 2 kommen zu mihr aber ich fürchte es würde dier nicht gefallen den es sind so viele Menschen ohne Arbeit oder nuhr die halbe Arbeit aber wen ihr komen wolt für euch selbst so seit ihr willkommen.
Lieber Vatter es hatt bei uns Heu Frucht und Obst u. Kartoffel Kraut genug gegeben u. doch alles so their das Pfund Butter 24 sent 12 Eier 27  Pfund 1 Th 10 sent das Mehl wihr haben bis jetznoch imer nur schlaziges Wetter gehabt u. ich mache meinen Herzlichen Dank für eir Bild der Karl hat sich viel verändert seiht ich in verlaßen habe den er gugt ja seinem Vater nicht einen Har enlich nehmlich dem Fritz Weidner
Weider weis ich nicht zu schreiben als das wihr alle gesund sind.
Viele Grüße an alle Bekanten u. Verwanten
Margaretha Gottlieb Schlotz u. ich mache meinen Herzlichen Dank an denen die wo der Mutter ihr Hilfe angethan
Margaretha Schwarz

Lieber Vater seit du so gut und schreibe mihr gleich wüder wen ich dich nicht recht verstanden habe u. schreibe mir auch wer deine Arbeit thut u. Grüße eich nochmals Geliebter Vatter u. Sohn u. hoffe nicht das ich euch Beleitigt habe ich denke das du mihr noch öfter schreiben wirst obgleich die Mutter Tod ist
Gottlieb Margaretha Schlotz geborene Schwarz


Dokument 4: Brief von Margaretha Schlotz geb. Schwarz aus Canton (Ohio) an die Mutter Katharina Sturm, den Stiefvater Jakob Sturm und den Sohn Carl Schwarz in Sulzdorf, 29. März 1889  (aus: 31/3193)

 

Canton den 29 März 1889
Lieber Vater u. Sohn Karl
Eiren Brief haben wihr erhalten u. daraus ersehen was bei eich vorgefallen ist u. das ist wieder meinen Willen an das habe ich niemals gedacht habe ich dier nicht geschrieben das ich auf alles verzichte das du blos das Lehrgelt bezahlen sollst u. auf ihn acht geben bis er etwas verdienen kan u. das andere soll dein sein für (die) Last u. Müh die du an der Mutter u. dem Karl gehabt hast. Lieber Vater du schreibst du habest einen Abwesenheits Pfleger für mich stellen müßen u. da habest du den Gottl. Harttmann ist das nicht der junge Frank u. wehr ist den der Johan Harttmann  den du schreibst der Karl habe 4053 Mark bekommen den wen das wahr wehre so wehre den das mehr als die Helfte an was ich je gedachte hätte u. du schreibst du habst 30 Mark bezahlt u. die andere 30 Mark wilst voll(ends) bezahlen aber ich soll denken nicht von deinem Geld sondern von dem Karl seinem verrechnen.
Lieber Vater du schreibst wegen dem Huber  für den ist es gut gegangen den so bringt er niemand  mehr ins Unglück wie er mich hieneingestürzt hat u. wie viele Kinder hatten sie
Lieber Vater du schreibst du habest noch eine Bitte an uns nehmlich die Vollmacht zu unterzeichnen u. du wirst es nicht zu deinem Schaden wollen. Lieber Vater was die Witterung (bei) uns antrieft so haben wihr einen milden aber ungesunden Wintter gehabt u. wenn es nicht noch kommt was schon oft der fall geweßen ist so geht die Arbeit los den wie es aussieht gib es genug Arbeit es den es werden viel (Häuser?)  gebaut u. da haben die Maurer 3 Th. [= Dollar] die Taglöhner 1 Th 50 sent (Cent) u. wenn du mihr wieder schreibst was bei eich bezahlt wird. Weiter weis ich für diesmal nicht zu schreiben als was ist der Name von dem Schuster wo der Karl ist den der Schwarz hat mich schon einige mal gefragt.
Viele Grüße  an alle die nach mihr fragen nehmlich an Jakob Rosina in Haußen wen du sie sist u. ich habe viel Erbarmen an ihrem Unglück wo sie gehabt haben.
Viele Grüße an Bawet Graf
Es grüßt dich nochmals mein Vater u. Sohn Karl u. ich hoffe wihr bleiben in Briefverkehr u. wihr hoffen auf baldige Antwort
Margarethe u. Gottlieb Schlotz
 

Quellen:
* StadtA Schwäb. Hall 31/3193; 76/885
* Canton, Ohio, City Directories: 1881, 1891, 1893
* National Archives and Records Administration; Year: 1891; Arrival: New York, New York; Microfilm Serial: M237, 1820-1897; Microfilm Roll: Roll 565; Line: 16; List Number: 525
* Ancestry.com
* Ohio Department of Health, Index to Annual Deaths, 1958-2002; Ohio Department of Health, State Vital Statistics, Unit Columbus, OH, USA

 

Abbildung: Beginn eines Briefs von Margarethe Schlotz aus Canton vom 7. Dezember 1888 (siehe Dokument 3) - man beachte den geprägten Indianerkopf!

 

Text und Transkriptionen: Margret Birk, Daniel Stihler

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