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ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Johann Böttinger

1863 - ein Sulzdorfer als Bürgerkriegssoldat in den USA

Johann Böttinger wurde am 29. Juni 1832 in Sulzdorf geboren und war einer von zwei Söhnen des Bauern und Sägmüllers Leonhardt Böttinger, einem aus Sittenhardt stammenden ehemaligen Soldaten, der das Anwesen 1823 erworben hatte. Johann Böttinger verließ im Alter von 22 Jahren im Mai 1854 die Heimat. Nordamerika, das in den großen Ebenen des Mittelwestens billig gutes Farmland in Aussicht stellte, lockte ihn aus dem armen, von Missernten gebeutelten Königreich Württemberg. Die Bevölkerung seiner neuen Heimat Kane County im nördlichen Illinois hatte sich ab 1840 sprunghaft gesteigert und verdoppelte sich im Jahrzehnt seiner Ankunft, als Johann seine Farm aufbaute. Ein guter Absatzmarkt lag gleich in der Nähe, nämlich die Großstadt Chicago.

 

1857 gründete er mit der 1827 geborenen Mary Bucklies (auch: Buckrice oder Bucklise) eine Familie und bekam eine Tochter, die ebenfalls Mary Ann genannt wurde. Dann brach der Kontakt zur Familie in Sulzdorf ab.

 

Sein Vater starb im März 1860. Erst im Juli gab man ihm Nachricht. Der Brief seines Abwesenheitspflegers, des Wundarzts Diehl, ist in der Realteilungsakte im Stadtarchiv erhalten. Obwohl ihm Diehl mitteilte, wie er vorgehen musste, um sein Erbe von 408 Gulden zu bekommen, meldete er sich erst 1863 aus St. Louis, wo er als Soldat der C-Kompanie des "127th Illinois Volunteer Infantry Regiment" für einige Zeit stationiert war, mit der nötigen Generalvollmacht.

 

Aus welchen Motiven er sich zum Kriegsdienst gemeldet hatte - ob aus patriotischer Begeisterung für das neue Heimaltland oder auch einfach nur, weil der Sold lockte - ist unbekannt. Johann Böttingers Regiment war am 6. September 1862 in Chikago aufgestellt worden und hatte in der Folge einige der härtesten Kämpfe des US-Bürgerkriegs erlebt. Es nahm unter den Generälen Ulysses S. Grant und WIlliam T. Sherman an den Schlachten von Chickasaw Bayou (26.-27. Dezember 1862), Arkansas Post (9.-11. Januar 1863) und Champion Hill (16. Mai 1863) und der daraf folgenden Belagerung von Vicksburg teil, das im Juli 1863 von den Unionstruppen zur Kapitulation gezwungen wurde. Bei weiteren Feldzügen in Tennessee,  Alabama und Georgia war das Regiment u.a .an den Schlachten von Missionary Ridge (25. November 1863), Resaca (13.-15. Mai 1864), Dallas (26. Mai - 4. Juni 1864), Kennesaw Mountain (27. Juni 1864), Atlanta (22. Juli 1864), der nachfolgenden Belagerung Atlantas (bis 2. September 1864), der Schlacht von Jonesboro (31. August - 1. September 1864) und der Verwüstung Georgias durch Shermans "March to the Sea" im November und Dezember 1864 beteiligt.

Trotz der zahlreichen, teilweise sehr verlustreichen Gefechte gingen die größten Gefahren von Krankheiten und Seuchen aus: etwa ein Drittel der rund 34 000 verstorbenen Soldaten aus Illinois waren gefallen, doch zwei Drittel waren an Krankheiten gestorben. Von den 218 Toten seines Regiments waren nur 49 im Kampf gefallen oder tödlich verwundet worden, 169 hingegen krankheitshalber gestorben.

 

John Bottinger - so die "amerikanisierte" Version seines Namens - überlebte Kriegshandlungen und Seuchen und kehrte auf seine Farm zurück, starb jedoch schon im Alter von nicht einmal ganz 40 Jahren im Mai 1872. Ob dies mit den Strapazen der Feldzüge von 1862-1865 zusammenhängt, ist nicht bekannt, aber durchaus wahrscheinlich.

 

 

Dokument 1: Brief von Pfleger Diehl an seinen Pflegesohn Johann Böttinger mit der Nachricht über den Tod des Vaters und die Regelung der Erbangelegenheiten

 

Sulzdorf / Hall / Königreich Württemberg / 25. Juli 1860

Mein lieber Pflegesohn!

Schon lange erwarteten dein Vater u. deine Anverwandten Nachricht zu erhalten von dir, aber vergebens. Nun fordern Familienverhältniße mich als Pfleger auf, dir mitzutheilen, daß dein Vater vor einiger Zeit das zeitliche mit dem Ewigen vertauscht hat. Er kränkelte schon längere Zeit, u. starb aber schnell an einem Lungenschlag. Sein sehnlichster Wunsch war es dich nochmals zu sehen: oder wenigstens Nachricht von dir zu erhalten. –

Nach dem letzt väterlichen Wunsch u. Willen sollte dein Bruder Fritz das Anwesen erhalten um 3000 f. Schulden waren vorhanden noch 2000 f.

Dem väterlichen Willen u. waisengerichtlich Theilung gemäß erhältst du noch Vermögen 408 fl. welches du bei deinem Bruder erheben kannst, oder 4 f vom Hundert stehen laßen darfst. Willst du dein Vermögen aber, so schicke eine Verzichtsurkunde von dortigen betreffenden Behörde, daß du dort bürgerlich aufgenommen, u. hier als Staats- und Gemeindebürger Verzicht leisten wollest.

Dein Bruder Fritz hat sich durch Vermittlung deiner Baase in Gaisdorf mit einem Mädchen dort, die mir u. ihre Eltern u.s.w. recht gut gefallen verheirathet.

Das Vermögen beträgt etwa 1000 f dein Bruder erhält somit noch eine Schuldenlast von beinahe 1800 f.

Dein Vetter Michl Steinbrenner ist auch schnell gestorben, natürlich ohne Vermögen, deine Baase in Gaisdorf hat sich in Ausding begeben.

Die Kirche hier wird zur Hauptkirche gebaut, u. ein neuer Kirchhof ist bei der oberen Brechhütte angelegt. –

Michl Bratz hat des Dohlenbauern Tochter Catherine geheirathet. –

Von Heilbronn wird eine Eisenbahn nach Hall u. später wahrscheinlich nach Crailsheim, an Baiern anschließend gebaut.

Sonst weiß ich nichts besonderes zu melden. Schreibe mir recht bald wieder u. besorge alles wie ich oben gesagt habe jedenfalls Antwort.

Es grüßt dich, deine Verwandten u. deine Frau als Unbekannte,

besonders grüßt dich von Herzen

dein treuer Pfleger Diehl,

Wund- u. Hebarzt.

 

Dokument 2: Vollmacht John Bottingers zur Auszahlung des ererbten elterlichen Vermögens  vom 20. Juli 1863

 

General- und Special-Vollmacht.

 

Ich der endunterzeichnete Johann Böttinger, verheirateter Bauer in Hampshire, Kane County im Staate Illinois, eines der Vereinigten Staaten von Nordamerica, gegenwärtig Soldat in Compagnie C des 127 Regiment der Illinois Voluntairs und als solcher zur Zeit in St. Louis im Staate Missouri der Vereinigten Staaten von Nordamerica, gebürtig aus Sulzdorf, Oberamt Hall im Königreich Württemberg, Sohn der daselbst verstorbenen Eheleute, des Sägmüllers Leonhard Böttinger und Anna Maria Böttinger geborene Steinbrenner, erteile hierdurch für mich, meine Erben und Rechtsnachfolger mit der Befugniß zur Substitution den Herren Stahl und Federer in Stuttgart Vollmacht und Gewalt, daß dieselben gemeinschaftlich oder ein jeder von ihnen für sich allein in meiner Heimath und überhaupt in Deutschland mich betreffenden Angelegenheiten mich vertrete und meine Rechte und Interessen überall wahrnehmen und geltend mache, alles mir zugehörige Vermögen, sowie alle mir bereits angefallenen der noch anzufallenden Verlassenschaften und sonstige Vermögensstücke für mich einziehe, über empfangene Beträge in meinem Namen rechtsgültig quittieren und mir solche auf die nachstehend angegebene Weise übermache, daß dieselben in meinem Namen Vergleiche abschließen, Verzichte, Entsagungen und Erklärungen aller Art, besonders über Antritt von Erbschaften, Anerkennung von Testamenten, sowie von Vermögens- und Nachlaßtheilungen auch eidesstattliche Erklärungen wegen meiner Erblegitimation für mich zu Protokoll gebe, Besonders beauftrage ich meine oben genannten Bevollmächtigte zur Wahrnehmung meiner Rechte an dem Nachlaß meiner Eltern und zur Einziehung meines elterlichen Erbes, von meinem Bruder dem Sägmüller Friedrich Böttinger in Sulzdorf der die elterlichen Liegenschaften übernommen hat, und ermächtige meine Bevollmächtigte, daß dieselben gemeinschaftlich oder jeder für sich allein alle meine Ansprüche hieran überhaupt meine Rechte in allen mich betreffenden Angelegenheiten vor höheren und niederen Gerichten und Behörden des Inlandes und Auslandes, weise sie auch an, die erhobenen Gelder abzüglich der Kosten an das Bankhaus von Stahl und Federer in Stuttgart ihr eigenes Bankhaus mit dem Auftrag zu senden, solche durch das Bankhaus von Angelroth & Barth in St. Louis, Mo., an mich auszahlen zu lassen. oder wenn ich bei Ankunft des Geldes noch im Felde oder sonst abwesend sein sollte, an meine Ehefrau Maria Böttinger in Hampshire welche ich hiermit ermächtige, die auf diese Vollmacht eingehenden Gelder für mich in Empfang zu nehmen und in meinem Namen darüber rechtsgültig zu quittieren, was ich bei Ubermachung des Geldes den Herren Angelroth und Barth zu bemerken bitte.

Indem ich mich noch zum unbedingten Antritt der mir auf Ableben m.. meiner Eltern angefallenen Erbschaft erkläre, genehmige ich die Realtheilung vom 23. Mai/ 14. Juni 1860 wie solche mir im Auszuge mitgetheilt worden ist und ten dem zwischen meinem Bruder Friedrich Böttinger, meinem Abwesenheitspfleger Herrn Wundarzt Diehl, sowie dem Herrn Schultheiß Englert und Herrn Michael Schultes abgeschlossenen Erbvergleich vom 14. Juni 1860, wonach mein Antheil auf 410 Gulden mit 4% Zinsen von Jacobi 1860 festgestellt wurde, hier mit bei, entbinde aber meinen Bruder von der Bedingung einer baldigen Heirath, er soll heirathen wann und wen er will, Endlich erkläre ich, daß ich gesonnen bin, mich in den Vereinigten Staaten von Nordamerica bleibend niederzulassen, ich verzichte daher hiermit wohlbedächtig und ausdrücklich , für mich, meine Erben und Rechtsnachfolger auf das Königlich Württembergische Staatsbürgerrecht und auf jeden bürgerlichen Verband mit dem Königreich Württemberg im Allgemeinen sowie auf mein Gemeinde und Heimatrecht zu Sulzdorf in Besonderem, zudem ich mich verpflichte keiner ... gegen Se. Majestät den König von Württemberg, sowie gegen das Königreich Württemberg keine Kriegsdienste zu nehmen auch allen Klagen, welche in gleicher Sache gegen ich anhängig gemacht werden sollten, bei den zuständigen Behörden und Gerichten des Königreichs Württemberg Recht geben zu lassen, und für Erfüllung dieser Verbindlichkeiten meinen Bruder Friedrich Böttinger als Bürgen stelle, bitte ich mich aus dem Königlich Württembergischen Unterthanen Verbande zu entlassen.

St. Louis, Mo., den 20. Juli 1863.

Johann Böttinger

 

Quellen:

* Stadtarchiv Schwäb. Hall 31/2897; 31/2229; 31/2899

* Haller Tagblatt vom 27.5.1854: Anzeige Ankunft ( u. Werbung Auswanderungsagentur)

* National Archives and Records Administration U.S. Federal Census von 1870: Census Place Hampshire, Kane, Illinois; Roll: M593-237; Page 398B (nach: ancestry,com/family search)

* American Civil War Census Data: The Civil War Home Page; General Index to Pension Files, 1861-1934.Washington D.C.: National Archives and Records Administrations.

* http://en.wikipedia.org/wiki/127th_Illinois_Volunteer_Infantry_Regiment, abgerufen 24.06.2014

 

Foto: Die Schlacht von Missionary Ridge am 25. November 1863, an der Johann Böttingers Regiment beteiligt war. Undatierte Grafik der Library of Congress, Signatur LC-DIG-pga-00539

 

Text und Transkriptionen: Margret Birk


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