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IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Die Geschwister Horlacher

1874 - Pioniere im "Washington Territory" aus Wolpertsdorf

Im Dezember des Jahres 1881 stirbt in Wolpertsdorf Eva Horlacher geb. Uebele. Sie hinterlässt außer dem Witwer Johann Georg Horlacher, Bauer in Wolpertsdorf, zehn Kinder, die sie in den Jahren 1844 bis 1862 geboren hat. Der älteste Sohn, Johann Horlacher, übernimmt den väterlichen Hof, der offenbar von seinen Nachfahren bis heute betrieben wird. Auch die beiden Jüngsten, Louise und Mina, sind in der Heimat geblieben. Die sieben anderen Geschwister sind zwischen 1869 und 1874 nach Amerika ausgewandert, um Farmer zu werden. Als der Vater Johann Georg Horlacher acht Jahre später, am 28. November 1890, ebenfalls stirbt, befindet sich auch Louise in Amerika. Damit sind acht von zehn Kindern des Ehepaares Horlacher nach Amerika ausgewandert.

Armut kann die Geschwister nicht zur Auswanderung bewegt haben, denn die Eltern können – wie in der „Realteilung“ (Erbteilung) des Vaters nachzulesen ist – mit Ausnahme Louises jedem ihrer Kinder ein Startkapital von 200 Gulden mit auf die Reise geben. Die beiden in Deutschland gebliebenen Horlachers – Mina war mittlerweile mit dem Taglöhner Friedrich Truckenmüller in Otterbach verheiratet – haben sich um den Vater zu kümmern, der als Ausdinger auf dem von Johann betriebenen Hof lebt. Dies scheint zumindest in den letzten Wochen vor seinem Tod recht aufwendig zu sein. Es wird amtlich festgehalten, dass Schwiegersohn Truckenmüller „während der Krankheit des Erblassers“ drei Wochen lang nichts verdienen konnte. Es sei allseits bekannt, „daß der Verstorbene große Ansprüche an die ihn verpflegenden Personen gemacht hat, so daß eine beständige Wärterin allein nicht hätte auskommen können.“ Beide können deshalb beide eine Entschädigung aus dem Nachlass für diese Dienste beanspruchen, was dann den Zorn der amerikanischen Geschwister auslöst, die sich betrogen fühlen. Die Auswanderer erhalten trotzdem noch jeweils knapp 500 Mark, Louise kann sich zusätzlich über weitere 342 Mark (anstelle der den anderen Geschwistern mitgegebenen 200 Gulden „Startkapital“) freuen.

Die Auswanderung von acht der zehn Geschwister Horlacher in die „Neue Welt“ beginnt wohl mit Magdalena (*1847) und Michael (*1850). Michael Horlacher ist im Mai 1869 mit 19 Jahren über Bremen mit dem Schiff „America“ in New York angekommen. 10 Jahre später ist er Farmer in Lyons, Walworth, Wisconsin (siehe US Federal Census 1880) bzw. Burlington Racine nahe Milwaukee am Michigansee. Die Stadt und das Umland hat einen sehr hohen Anteil an deutschstämmiger Bevölkerung. Mit seiner Frau Lana (Lena) hat er nach der Heirat 1876 drei Söhne: George (1880), Edward (1883) und Adolph (1891). Seine Schwester Magdalena (Lena) heiratet 1872 den Schweizer Gottfried (Godfrey) Batschelet in Lyons, Walworth, Wisconsin. Sie haben sechs Kinder. Eine weitere Schwester, Barbara, kommt 1873 dazu und ist im Jahr 1882 – wie den Akten zu entnehmen ist – noch unverheiratet. Michael Horlachers ältere Schwester Anna Maria (Mary, *1845) und der Bruder Georg (*1848) kommen 1871/1872, Rosine  (*1855) und Johann Gottlieb („John G.“, *1859) reisen schließlich gemeinsam im Jahr 1874 an.

Anna Maria, Georg, Barbara und John hält es aber nicht lange in Wisconsin. Vermutlich schon 1874 ziehen sie tausende Kilometer weiter, um sich als Siedler im äußersten Nordwesten, dem Washington-Territorium bei Spokane niederzulassen, wo die Auswahl an billigem Farmland noch groß ist. Jedem Siedler standen 64 Hektar bzw. 160 Acres zu, wenn er sie fünf Jahre lang bearbeitete. Doch in der Gegend von Cheney und Colfax gab es Indianer wie die Nez Percé, die sich gegen die weißen Siedler noch im Jahr 1878 wehrten. Vielleicht konnten die Horlachers einen Teil ihrer Reise schon mit der Eisenbahn zurücklegen. Sicher mussten sie aber viele Kilometer im Treck ziehen, bis sie ihr Ziel erreichten. Die „North Pacific Railroad“ erreichte das Washington-Territorium und Cheney nämlich erst im Jahr 1881. 1889 wird das Washington-Territorium schließlich der 42. Staat der USA; Johann Georg schildert dies in seinem Brief von 1891 an seinen Vetter Karl Wirth in Wolpertsdorf.  Mary ist 1881 bereits mit John Schlotz verheiratet, und als sie ihrem Vater wegen der Vollmacht schreibt, hat sie gerade zwei ihrer vier Kinder geboren. Barbara führt ihren Brüdern George und John den Haushalt und muss sicher auch bei der Farmarbeit hart mit anpacken. Auch 1891 ist sie noch ledig. Georg heiratet 1885 seine Frau Mary und hat sieben Kinder. Eine Momentaufnahme aus seinem Leben als Farmer schickt er 1891 im Zusammenhang mit Erbangelegenheiten nach dem Tod des Vaters an den Vetter Karl Wirth in Deutschland (Brief 4). In einem späteren Schreiben an das Gerichtsnotariat Hall macht er sehr deutlich, was er von der Art und Weise der Erbteilung hält. Die in Deutschland gebliebenen Geschwister hätten sie „auf eine schändliche Art u[nd] Weise um unser sauer verdientes Geld betrogen“ (Brief 5). John G. hat mit seiner Frau Celia sogar acht Kinder. Die meisten Nachkommen arbeiten ebenfalls auf den Farmen. Auf dem „Evergreen Cemetery“, dem alten Friedhof von Rosalia, erinnern  Gräber an mehrere Generationen der Familie Horlacher,. Das Grab des 1923 gestorbenen John George (Johann Georg) verweist auf „Wolperdorff Wuttenburg“ als Geburtsort. Auch der Neffe Adolph, ein Sohn von Michael aus Wisconsin, lässt sich später als Farmer in der Nähe von Rosalia nieder.

Die 1861 geborene „Nachzüglerin“ Louise folgt den Geschwistern nach dem Tod der Mutter nach Amerika. 1891 lebt sie den Teilungsakten des Vaters zufolge in Rosalia, wo ein deutschstämmiger Notar ihre Unterschrift unter die Vollmacht für ihren Vetter Karl beglaubigt. Sie ist mit Jacob Blank verheiratet, einem 1855 geborenen Sohn des Sulzdorfer Postboten und Schuhmachers Jacob Friedrich Blank. Zufällig hat sich ein Brief der in Livingston (Montana) lebenden Schwester Jacobs von 1890 erhalten. In diesem berichtet Rosine Uhl geb. Blank, sie sei eben „beim Jakob auf Besuch für 2 Wochen“ gewesen. „Ich war grad dort als die Louise gekommen ist von Chikago welche er dann am 1. May als seine Frau heimgeführt hat.“ Sehr wahrscheinlich ist Louise Horlacher also 1890 über Chikago nach Rosalia ausgewandert und hat dort kurz nach ihrer Ankunft am 1. Mai geheiratet. Die Vermutung ist naheliegend, dass Louises in Rosalia lebenden Geschwister bei der Auswanderung und dem Auswanderungsziel der Schwester und ihres Bräutigams, vielleicht auch beim Zustandekommen der Ehe eine Rolle gespielt haben, es gibt jedoch (momentan) keine weiteren Dokumente, aus denen sich genaueres erfahren ließe. Louise Blank starb am 11. Dezember 1918 im Alter von 57 Jahren in Rosalia. Der Tod ihres 71 Jahre alten Mannes Jacob folgte am 25. Dezember 1926. Das gemeinsame Grab des Ehepaares hat sich ebenfalls auf dem „Evergreen Cemetery“ von Rosalia erhalten. Weitere Gräber deuten darauf hin, dass mindestens zwei weitere Generationen der Familie Blank in Rosalia gelebt haben.

Drei Briefe aus dem Jahr 1882 finden sich in den Akten des Stadtarchivs zur Eventualteilung nach dem Tod der Mutter. Sie geben einen kleinen Einblick in das Leben und die Arbeit der neuen Siedler. Im Zuge der Erbangelegenheiten nach dem Tod des Vaters schrieb dann Georg Horlacher 1891 einen Brief an seinen als Bevollmächtigen der „Amerikaner“ fungierenden Vetter Karl Wirth in Wolpertsdorf, in denen er nicht nur Informationen zur Erbschaftsangelegenheit austauschte, sondern auch einiges zu seinem Leben in den USA berichtete. In einem weiteren Schreiben verleiht er sehr deutlich seinem Mißfallen über die Abwicklung der Erbteilung Ausdruck. Gleichzeitig ist ihm schmerzlich bewusst, dass die Möglichkeiten der Auswanderer, das Verfahren von den USA aus in ihrem Sinne zu beeinflussen, sehr beschränkt sind. So bleibt es bei einem scharfen Protest und - wahrscheinlich - dem Abbruch des Kontakts zu den in Deutschland gebliebenen Verwandten.


Brief 1

Rosalia May 24 th 1882

Lieber Vater Geschwister u. Schwägerin!

Deinen Brief den du nach Wisconsin schicktest wurde uns von Wisconsin zugeschickt, wie ich vernommen habe müßten wir die Vollmachten sobald wie möglich an den Vater schicken. Wir wußten gut genug daß Vollmachten sollten ausgefüllt werden, dachten aber nicht daß es nöthig wäre es zu thun bis wir dazu aufgefordert würden.
Mit den Vollmachten bin ich jetzt noch nicht im klaren, ich war letzte Woche im Städtchen ... u. habe mich näher erkundigt was zu thun wäre, weil es nicht ... werden sollte, konnte aber nichts ausrichten in der Sache denn die englischen wissen nichts davon wie bei euch die Gesetze sind.
Deutsche Notars oder Advokaten weiß ich keine auf hundert Meilen Entfernung die Geschwister in Wisconsin haben Gelegenheit um rauszufinden was das richtige zu thun und das richtige zu treffen wie es der Vater gern hätte.
Der Vater hätte am besten gethan wenn er hätte einen rechtschaffenen ehrlichen verständigen Mann darüber gefragt, u. uns dann schreiben lassen wie wir die Sache zu behandeln haben in jeder Beziehung durch dieses Hin u. her Schreiben verzögert sich die Sache u. wird nichts dabei ausgerichtet! Weil bei euch solche Sachen sehr pünktlich gethan werden u. sein müssen, müssen wir auch pünktlich sein sonst würden euch die Vollmachten gar nichts helfen im Gegentheil noch mehr zum Schaden sein.
Es mag noch mehrere Wochen anstehen bis wir euch die Vollmachten schicken oder bis ihr vom Consul an eure Behörden geschickt werden können. Bis jetzt ist noch nichts gethan, ich wünschte der Vater hätte eben handeln können wie er wollte ich bin zufrieden, wie er es macht ist es mir recht, er soll sich nur gute Tage machen u. wenn er Lust hat uns einmal besuchen es würde uns alle sehr freuen.
Zum Schluß wünsche ich euch allen viel Glück u. Gottes Segen zum Gruß.

Seit alle herzlich gegrüßt von
Georg Horlacher
Br. Gottlieb (John G.) will das nächste schreiben.

Brief 2

Rosalia Wash. Ter. May 28. 82

Lieber Vater Geschwister u. Schwägerin,

Weil Br. G. nicht weiter schreiben will so will ich auch einige Zeilen beilegen, mein letzter Brief war noch an die liebe Mutter geschrieben aber sie hat ihn nicht mehr bekommen, denn nicht lange darauf bekamen wir die traurige Nachricht daß sie heimgegangen ist was für uns alle ein harter Schlag war aber wir wollen sie jetzt ruhen lassen.-
Mit meiner Vollmacht soll es nach dem Vater seinem Wunsch u. Willen gehen.
Es wäre vielleicht schon alles weiter voran aber wir hatten dieses Frühjahr sehr viel Arbeit im ganzen haben wir dieses Frühjahr 50 Acker gesäet, gestern wurde ich fertig damit, das Wetter war bis jetzt noch immer sehr veränderlich wir hatten erst drei heiße Tage u. das war diese Woche.
Die Einwanderung ist dieses Jahr wieder sehr groß aber Amerika ist groß genug daß viele Millions eine billige Heimat gründen können. Auch gibts Arbeit genug an einer Eisenbahn nicht weit von hier arbeiten jetzt 15000 Mann, Jetzt hat alles einen gut preis, Kühe bringen von 35 bis 50 Dollar Stück, Pferde sind mittelmäßig auch Frucht hat guten Abgang.
Weil mir das Schreiben hart geht u. jetzt nichts neues weiß so will ich schließen mit dem Wunsch daß euch mein Schreiben so gesund anrift wie es mich verläßt hoffentlich wird Br. Johann wieder gesund sein u. auch bald etwas von sich hören lassen, also auch die Schwestern. Seit alle herzlich gegrüßt

von John Gottlieb Horlacher

Brief 3

Rosalia den 20 November 1882

Lieber Vater schon lange bin ich dran am schreiben konnte aber immer nicht dazu kam im Sommer gibts Arbeit, wiewohl ich wenig auf dem Feld gearbeitet hab blos im Garten ich hatte ein Kind aber das andere war auf dem Weg u. so haben wir 2 Mädchen seid September wir sind gottlob alle gesund. Ich gedenke dasselbe von euch zu hören. Lieber Vatter ---ein ists wegen meiner Vollmacht muß ichs schicken ... der machts nichts aus, wir wollten thun mit den andern aber ich konnte nicht soweit fahren es waren überall 20 Meilen u. wenns sein muß so wollen wirs thun im Frühjahr eher kann ich nicht so weit gehen weil ich die Kinder mit nehmen muß u. es zu kalt ist im Winter durch. ich denke aber Georg Gottlieb u. Barbaras ihre Vollmacht sind draußen ich habs vergessen zu fragen ob sie seidem geschrieben haben wir sind viel beieinander, die drei arbeiten beisammen aber im Frühjahr wirds wohl auseinandergehen. Sie sind alle gesund u. kommen gut aus miteinander desgleichen auch. Wir haben hier unser Auskommen und können zu etwas kommen das Land ist gut Wir haben 80 Buschel Weizen und 130 Buschel Haber gedroschen die Buschel Weizen gilt 65 send wir haben schon verkauft so der Butter das Pfund 35 bis 40 Send wir haben blos eine Kuh ich habe 50 den Sommer von ihr gemacht nächstes Jahr bekommen wir 2 Kühe, so auch Hühner wir haben 10 die legen im Winter das Duzend 30 bis 35 Send u. so können wir immer ethliche Thaler machen Vatter ich wollte nur du könntest bei uns sein daß dus sehen könntest wies hier aussieht, hatte immer Hoffnung Ihr könntet kommen aber weil jetzt die l. Mutter bald ein Jahr im Grabe ruht so denke ich du allein gehst nimmer so weit, u. was – die 2 Mädchen thun u. Bruder Johann; seine Frau haben keine Lust hieher Ihr denkt vielleicht wir sind am Ende der Welt oder in der Wilderniß aber das ist nicht so man kann allerlei Nationen hier finden u. wird immer mehr bewohnt aber Obst gibts in unserer Nähe noch wenig sie pflanzen jetzt Obst Bäume an 60 bis 70 Meilen u. habens aber allerlei wir könnens billig hier kaufen, wenn wir leben u. gesund bleiben haben wir (es)in ettlichen Jahren selbst.
Lieber Vatter wie ist deine Gesundheit u. gefalt dir im Johann seine Frau thut sie deine Arbeit oder kochst du wie dein Va... (nicht lesbar)
ich will schließen mit viel grüßen von uns an Euch Alle u. hoffe die Zeilen treffen Euch alle gesund an Gruß und verbleibe...

Anna Maria Schlotz auch von meinem Mann

Unsre Adres ist ...John Schlotz
Rosalia Witman Co. Washington Territory

Brief 4

Rosalia Wasch[ington] 12th Jan[uar] 1891

Lieber Vetter Karl u[nd] Familie!

Deinen Brief den Du am 1. Dez[ember] geschrieben habe ich erst am Jan[uar] erhalten, wohlwissend daß ein registrierter Brief mehr Zeit braucht als ein gewöhnlicher, war die Ursache. Vetter Karl, Du schreibst im Auftrag des Schultheißen Köhnlein in Otterbach, auch die drei Vollmachten habe ich erhalten. Zwei von den Vollmachten werde ich morgen nach Wisconsin and die andern Geschwister schicken; hättet ihr an Michael geschrieben, könntet ihr schon längst Antwort haben. Wir Geschwister hier sind völlig damit zufrieden, daß Du als unser Stellvertreter die Sache übernehmen u[nd] wie du schreibst gewissenhaft ausführen werdest. Es handelt sich hier nicht um eine große Erbschaft, doch möchten wir Amerikaner nicht ganz u[nd] gar als Waisen hingestellt sein, sondern auch als Kinder, unsern Kindestheil erhalten. Wegen den Vollmachten sind wir nicht im Klaren, auch kann ich nicht sehen, warum wir einen Vollmächter brauchen, auch wird keine Vollmacht geschickt, bis wir besser im karen sind in der Sache oder bis das Gericht unbedingt von uns verlangt; Wir haben uns die Unkosten schon einmal gemacht u[nd] haben der Mutter ihren Wunsch erfüllt, auch sind wir willens, dem Vater seinen Wunsch zu erfüllen, wegen der Fahrnis, ob die zwei Geschwister das vollends haben oder nicht, ihren ehrlichen Teil haben sicher beide schon längst erhalten; die ersten Vollmachten haben mich schon mehr als fünf Dollar gekostet, was sollen diese Kosten; keine deutsche Notare sind nicht mehr, der Consul ist in San Francisco Californien, alles ist mit viel Unkosten verknüpft, die Unkosten sollen die letzten sein, das Gericht soll nur mit vorangehen und die paar Thaler ehrlich vertheilen u[nd] uns jedem seinen Theil zusprechen, dan[n] kann jedes damit machen was sie wollen, von hier kommt keins zur Theilung, wenn nicht von Wisconsin. Nun, weil ich mich nur  wenig um solche Sachen bekümmere, könnte auch ein wenig Auskunft für mich von Dir nichts schaden wegen der Vollmacht. Wenn wir Dich als unsern Stellvertreter jetzt noch obendrein bevollmächtigen, daß Du so zu sagen über unsere Sachen verfügen kannst nach Wunsch u[nd] Willen. Freilich sind Gesetze da, aber da sind auch so viele Nebenwege da, um vom Gesetz abzukommen, u[nd] sehr oft werden diese falschen Wege am ersten propiert, wenn vorbei dann ist es durch Unvorsichtigkeit aber doch gern geschehen. So geht es zu häufig hier in Amerika u[nd] in der alten Heimat ist das Geschäft auch gut verstanden. Ich schreibe dieses nicht, um an deiner Ehrlichkeit zu zweifeln, aber bei allem ist es uns wohl bewußt, daß wir uns schon 19 Jahre nicht mehr gesehen, sind vom Jüngling ins Mannesalter übergetreten; u[nd] dieses ist u[nd] war auch unser entscheidendster Schritt in unserem Leben, u[nd] wohl uns allen wenn wir stets treu, ehrlich und aufrichtig vor Gott u[nd] derWelt unerschrocken erscheinen können. Vetter Karl Du meinst, wir könnten nach der Theilung vielleicht den Geschwistern draußen etwas vom Vermögen lassen od[er] geben, das können wir freilich, in Amerika fliegen ja die gebratenen Tauben so niedrig, daß man darf nur das Maul weit genug öffnen, hinein fliegen sie schon von selbst. Mein Rath wäre dieser für die anderen Geschwistern auch thun wie wir gethan, arme Leute bleiben doch noch genug dort, was wäre aus uns allen geworden, die Eltern hätten nicht einem jeden so viel geben u[nd] helfen können wie sie für die beiden draußen gethan;  auch wenn sie die Eltern in ihren alten Tagen verpflegt, was mußten wir thun, u[nd] was haben wir noch bis jetzt empfangen, Gott weiß es. Ich habe noch nie eine Rechnung gemacht auf ein Vermögen, bin es auch nicht bedürftig, doch es wäre ein elterliches Vermögen, und wenn es bloß 10 Thaler wären; wenn nichts bleibt geht’s auch; ich habe soweit mein Lebensschifflen selbst gerudert mit Gottes Hilfe u[nd] Beistand und werde es auch propieren, ferner so zu thun. Werther V[etter] Karl auch ich will Dir einiges mittheilen wie es bei uns geht, wenn ich uns sage, meine ich natürlich meine Familie u[nd] mich selbst, ich wohne auf der Farm, habe 480 Morgen gutes Land [das] alles auf einem Stück beisammen liegt im Viereck; gewöhnlich wohnt der Farmer darauf, das Land ist alles eingezäunt, liegt so, daß es gut bebaut werden kann. Ich habe dieses Jahr 4.000 Büschel Waizen gedroschen, wir hatten eine gute Ernte in allem gehabt, wurden also mit irdischen Gütern gut beschert. Daß ich verheirathet bin, wirst Du schon längst wissen, ich habe eine gute deutsche Frau, sind nächst 6 Jahre verheirathet, am Tag vor Weihnachten sind wir wieder mit einem kleinen Sohn beschenkt worden, wir haben jetzt 3 Buben u[nd] ein Mädchen, sind alle gesund u[nd] wohl. Ich selber bin nicht so gesund, wie ich  es wünsche, ich war erst wieder zwei Wochen krank, bin aber jetzt wieder an der Arbeit, vor 7 Jahren war ich sehr leidend aber meine Gesundheit hat sich sehr verbessert, seitdem ich verheirathet bin; ich wede dieses Jahr propieren, meine Gesundheit mehr u[nd] besser [zu] schützen, daß ich wieder zu meinem früheren Gesundheitszustand gelange; ich hab schon mache harte Strapazen durchgemacht, bin aber jetzt in keiner bedrängten Lage in irdischer Beziehung, wenn uns Gott Leben u[nd] Gesundheit schenkt, werden wir uns bessere Tage machen. Genug für diesmal, nehme mir nichts übel auf von meinem geschrieben[en], hoffe, Du kannst mein schlechtes Schreiben lesen, es ging mir hart, weil ich erst krank war. Endlich muß ich abbrechen, hoffe mein Schreiben möge Euch alle gesund antreffen, wie es uns alle verlässt, auch die anderen Geschwister lassen Euch alle Grüßen. Seid aleherzlich gegrüßt von uns allen aufs Wiedersehn verbleibt Dein
George Horlacher
Rosalia
Whitman Co. Washington
N[ord] A[merika]

Dieses Wort Territory braucht ihr nicht zur Adresse. Vor zwei Jahren wurde die Veränderung gemacht, das Wort Territory gilt für eine Landschaft groß u[nd] unbevölkert, die Einwanderung nach Washington Territory war so groß, daß es in den Staatenbund aufgenommen wurde. Jetzt ist es der Staat Washington u[nd] nicht mehr Territory, obengenannte Adresse ist die richtige u[nd] gilt auch für die andern Geschwister. Maria, Barbara, Luise, Gottlieb u[nd] Georg, Br[uder] Michael u[nd] Sch[wester] Lena ihre Addresse ist M. H.Lyons Weilworth [?], Schw[ester] Rosine ihre Ad[resse] Co. Wisconsin weiß ich nicht genau.

Brief 5

Rosalia den 21. Marz 1891.
K[öniglich] Württ[embergisches] Notariat Hall,
Geehrte Herren!
Ihren Brief den sie am 19. Febr[uar] geschrieben, habe ich erhalten. Diese Vollmachten wurden Ende Februar an den deutschen Consul geschickt, werden noch diesen Monat bei Ihnen erscheinen; diese Vollmacht wurde von uns fünf hier bei Rosalia Waschington Geschwistern unterzeichnet, hoffe, daß soweit alles richtig ist. Auch die andern Geschwister schickten die ihrigen von Wisconsin ab. Mit der Theilung sind wir durchaus nicht zufrieden, doch was geschehen, ist geschehen, recht oder unrecht, das letzte Testament wurde hier gar nicht angenommen für gültig. Diese beiden Geschwister Johann u[nd] Mina Horlacher haben uns auf eine schändliche Art u[nd] Weise um unser sauer verdientes Geld betrogen.Die Fahrnis hätte genügend sein sollen, für ihre letzte Arbeit, die sie am Vater gethan haben; aber nein; nochmals 50 Mark obendrein für das bischen wenige, wo sie die letzten Tage thun mußten, um noch zu guter Letzt ihre Taschen mit unserm Geld zu füllen. Diese beiden Geschwister hätten die Hälfte der Theilungskosten decken sollen, weil sie volle zwei Drittel des Vermögens erhalten u[nd] bezüglich der letztwilligen Verordnung, dieses hätte das Gericht gar nicht angenommen werden, bis wir hätten eingewilligt u[nd] die Unkosten wegen der letztwilligen Verordnung hätte den beiden aufgerechnet werden sollen, nicht uns.
Achtungsvoll
Georg Horlacher
Rosalia
Whitman Co.
Wash[ington]


Text und Transkriptionen: Margret Birk, mit Ergänzungen von Daniel Stihler

Quellen:

Zur gesamten Familie:
* Stadtarchiv Schwäbisch Hall 49/0702
* StadtA Schwäb. Hall Schwäbisch Hall 49/4310
* The Free Online Encyclopedia of Washington State History
* Artikel “Whitman County” aus Wikipedia.com

zu Anna Maria (Mary) Horlacher-Schlotz:
* Ancestry.com Washington Heiratsregister 1865-2004 (Datenbank online) Provo, UT, USA
* 1900 United States Federal Census, Jahr 1900; Gebiet: Thornton, Whitman, Washington; Rolle: 1753

zu Magdalena (Lena) Horlacher-Batschelet:
* Ancestry.com Wisconsin, State Cencuses, 1895 and 1905 (database online) Provo, UT, USA; Original data: Wisconsin State Census, 1905. Microfilm, 44 reels. Wisconsin Historical Society, Madison, Wisconsin

zu George Horlacher, John Horlacher und Barbara Horlacher:
* 1880 United States Federal Census; Census Place: Whitman, Washington
* 1900 United States Federal Census, year: 1900; CensusPlace: Thornton, Whitman, Washington; Film: 1255398

zu Michael Horlacher:
* New York, Passenger Lists, 1820-1957; Jahr: 1869; Ankunft: New York, New York; Microfilm Nr. M 237, Microfilm role: 311;
* 1900 United States Federal Census; Jahr : 1900; Census Place: Lyons, Walworth, Wisconsin; Rolle: 1821; FHL Microfilm: 1241821

zu Rosine Horlacher, Johann Gottlieb Horlacher:
* New York, Passenger Lists, 1820-1957 year: 1874; Arrival: New York, New York; Microfilm Serial: M 237; Microfilm Roll: 390; Line 33, 34; List Number:531
* 1910 United States Federal Census, Year: 1910; Census Place: Rosalia, Whitman, Washington: FHL, Microfilm: 1375687.

zu Louise Horlacher-Blank und Jacob Blank:
* StadtA Schwäb. Hall 31/3202 (u.a. Brief der Schwester Rosine Uhl geb. Blank v. 18.5.1890)
* Friedhofsregister Evergreen Cemetery, Rosalia, Transkription in US GenWeb Archives

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1780 - die Enkelin in Amsterdam wird enterbt

Schwere Vorwürfe erhob die Baumeisterswitwe Anna Margaretha Roscher gegen ihre Enkelin. Sie sei von ihr misshandelt, bestohlen, mit Vergiftung bedroht worden. mehr lesen

Johann Adam Schneider

1874 - "es ist ein schreiendes Unrecht"

Immer wieder sahen sich Auswanderer im Vergleich zu daheim gebliebenen Geschwistern benachteiligt - Johann Adam Schneider aus Gailenkirchen zeigte dies dem Vater sehr deutlich. mehr lesen

August und Viktor Schwegler

1849/1854 - die missratenen Brüder des Professors

In einigen Fällen diente die Auswanderung recht eindeutig dazu, die Familie von "schwarzen Schafen" zu befreien. So war es auch bei zwei in Schwäbisch Hall aufgewachsenen Söhnen des Michelfelder Pfarrers Eberhard Schwegler. mehr lesen

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