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IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Benny Mittelberger

1861 - Flucht vor dem amerikanischen Bürgerkrieg

Der am 3. März 1835 als zweites von vier Kindern des Steinbacher jüdischen Handelsmanns Joseph Mittelberger geborene Benjamin, genannt „Benny“, folgte vermutlich dem Beispiel seiner älteren Schwester Sara (genannt Sophie) (*1832), die bereits 1854 in die USA ausgewandert war. Er ist sehr wahrscheinlich mit einem Reisenden identisch, der  am 23. Juni 1856 mit der "Batavier" in London ankam und dann mit der "Kangaroo" von Liverpool aus nach Philadelphia weiterreiste, wo er am 14. August ankam.

Benny Mittelberger ließ sich offenbar in den Südstaaten nieder. 1857 lebte er in Georgia, wie seine Schwester später in einem  Brief erwähnt. Hier  zog er sich ein nicht genauer bekanntes Leiden zu, das immer wieder zum Ausbruch kam und ihn schließlich das Leben kostete. Müglicherweise handelte es sich um eine Gelbfiegerinfektion. Seine erfolgreiche Karriere als Kaufmann endete durch den Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs 1861. Als Anhänger der Union floh Benny Mittelberger in den Norden, was mit großen finanziellen Einbußen verbunden war, da er nur wertloses Südstaaten-Papiergeld mitnehmen konnte und auf viele Außenstände verzichten musste. Er kam bei der Familie seiner Schwester Sophie in Cincinnati (Ohio) unter. Da er Württemberger geblieben war und damit nicht der amerikanischen Wehrpflicht unterlag, blieb ihm eine Teilnahme am Bürgerkrieg erspart. Im April 1864 begann er mit seinem Schwager Moses Kaufmann ein Branntwein-Geschäft. Er plante zwar eine Rückkehr nach Deutschland, wollte dies aber erst tun, wenn er wenigstens eine mäßige Summe Geldes als Kapital für das elterliche Geschäft mitbringen könne.

 

Dazu kam es nicht mehr, denn er starb am 23. März 1865 in Cincinnati an der „Auszehrung“, vielleicht die Langzeitwirkungen einer Gelbfieberinfektion.

 

Zwei Briefe bieten Einblicke in seinen Lebensweg in den USA. Der erste, ein Jahr vor Benny Mittelbergers Tod entstandene Brief an seine Eltern schildert seine augenblickliche Lage in Cinncinati nach seiner Flucht aus den Südstaaten, der Brief seines Schwagers beschreibt seinen Tod.
 

Cincinnati Ohio den 20ten Juni 1864
Liebe Eltern und Geschwister!
Eure lieben Briefe an Sophie  und mich habe erhalten und freue mich, Euer sämtliches Wohlbefinden daraus zu ersehen, welches der liebe Gott Euch noch eine lange Reihe von Jahren vergönnen wolle. Meinerseits sowie Kaufman[n]s Familie sind auch alle gesund und wohl. Das erste was ich thun will ist Euch vielmals um Verzeihung zu bitten für mein so langes Stillsein, wie Ihr aber aus Sophies Schreiben vernommen haben werdet habe dieselbe beauftragt an meiner Stelle für mich zu schreiben. Da nehmlich unser Geld hier so sehr herunter gekommen ist und ich ungern zu Euch kommen möchte, ohne wenigstens eine mäßige Summe Geldes mitzubringen, das ein wesentlicher Beitrag zu Eurem Geschäfts Kapital wäre, so konnte ich mir nicht helfen, und mußte beschließen, noch einige Zeit hier zu verweilen und wenigstens zu versuchen meine pekuniäre Verhältnisse etwas zu verbessern. Was anbelangt mein Wunsch bei Euch zu verweilen, so gebe Euch die Versicherung liebe Eltern, daß Ihr unmöglich mehr Sehnsucht haben könnt als ich [nach] Euch. Aber wie es im Leben ist viele haben Glück und erlangen mit wenig Geschäftskenntniß und Mühe ansehnliches Vermögen, während andere mit ausdauerndem Fleiß und alter Geschäftspraxis sich bemühen, um auch nur ein ehrenhaftes Auskommen zu haben und so geht’s mit mir. Denke aber dennoch zufrieden zu sein, denn meine Gesundheit ist gut und das Uebrige wird mit Gottes Hülfe so gut kommen als ich es verdiene. Ich habe am Anfang April d[ieses] J[ahres] ein Brantwein-Geschäft in Company mit Moses hier angefangen und kann bis jetzt noch nichts sagen wie ich zufrieden bin. Ich bin beinahe immer auf der Reiße und habe meine tägliche Sorge, gerade so viel als ein Mann der eine ganze Familie zu versorgen hat. Der liebe Schwager Moses hat ungefähr $ 3500 vorgestreckt und ich $ 3200. Wir haben ungefähr $ 7000 baar Kapital im Geschäft. Alles wofür ich Sorge trage ist das ich doch endlich einmal vorwärts komme. Es ist mir nicht so sehr um das Geld machen zu thun als es mir ist um der lieben Sophie Zufriedenheit zu geben. Es geht dem lieben Moses und Sophie und [den] l[ieben] Kinder[n] so gut wie immer und dieselben, wie ihr seht, wohnen noch in Quincy Ind[ian]a und thun ihr Geschäft unabhängig von mir, während dieselben einen gleichen Antheil in meinem Geschäft haben. Sende Euch einliegend eine Geschäftskarte. Liebe Eltern, seid so gefällig und schreibt mir bald Antwort und denket nicht es ist ein gutes Werk Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Denke Euch wieder zu schreiben gegen [...] . Die liebe Tante Zerle würde einige Zeilen an Euch schreiben dieselbe ist aber abwesend sie gieng nach Indianapolis um Cousin Aron zu besuchen von da aus gieng dieselbe mit ihrem Sohn Salomon nach Cumberland Ind[ian]a wo sich derselbe wahrscheinlich mit einem Fräulein Neuberger versprechen wird. Dieselbe ist von sehr guter Familie und sehr wohlhabenden Leuten. Was den Krieg hier anbelangt, so bin ich frei von allen Militärdiensten, da ich noch mein Würtembergisches Bürgerrecht habe. Ich mag wohl täglich Gott danken das ich vom Süden glücklich entkommen bin obwohl dieses mit großem Opfer verbunden war. Wäre ich dort geblieben so wäre ich jetzt sicher in der Armee, und wer weiß ob lebend oder todt. Ich hoffe der Norden wird bald im Stande sein, den rebellischen Süden gänzlich zu besiegen, welches der Wunsch jedes ehrlichen Mannes sein sollte. Seid so gefällig und schreibet gewiß baldige Antwort. Lasset mich wissen wie die Geschäfte bei Euch gehen, was für Geschäfte ihr thut und wie es bei Euch geht. Wenn es irgend welche Familien Neuigkeiten gib, so theilt mir solche mit, was mich anbelangt, so bin ich nun ein alter Junge und denke auch nicht meinen Jungenstand vor der Hand zu verändern. Wenn Ihr mir antwortet so seid so gütig und schickt den Brief nur an Schwager Moses Ihr könnt dann auch an dieselben schreiben. Wir Amerikaner heißen dieses „zwei Spatzen mit einem Stein tödten“. Nun will ich noch etwas Raum übrig lassen für Sophie und Moses darein zu schreiben. Liebe Eltern lebt recht wohl und gesund dieses wünscht Euer Euch zärtlich liebender Sohn
Middleburg

Cincinnati Febr[uar] 15 / [18]66
Liebe Schwigern Eltern Schwager u[nd] Schwagerin.
Ich kann nicht mehr lange warten, um Euch zu wissen thun wie es mit dem Beny Selig ist, der Beny Selig ist bei meine[n] Eltern am 23 Merz 1865 gestorben mit der Ausze[h]rung wo er schon 13 Jahre gehabt hat und gestorben wie ein Frommer Mann ich u[nd] mein[e] Frau Kinder u[nd] Eltern u[nd] geschwistern alle u[nd] warn auch ander Leute dabei der Beny Selig hat sehr viel durich gemacht mit seiner Krankheit er war schon mehr mals gefährlich krank wo er in der South  war u[nd] auch schon mehr mals bei uns er ist leider Gott 5 Monat gelegen befor er uns verlassen hat aber es ist gut das er es überstanden hat er hat sehr viel durich machen müssen in seiner Krankheit aber es ist sehr hart für meine Frau gewesen den einen Bruder wo sie in diesem Land gehabt hat zu verlihrn aber wir müssen uns zufriedegen  weil wir alle Menschen sind.
Der Beny selik hat ein gut geschäft gehahb[t] in der South wo er verlaßen hat müssen um sein Leben dafon dragen  u[nd] hat sehr viel Geld ausstehen u[nd] sehr viel Schulden gehabt wie er dort fort müßte und hat alles verlaßen müßen wie er zu uns kam so hat er etwar 5.000 Thaler  South Geld mit gebracht aber durch der South verlihren den Krieg ist das Geld nicht werht er hat noch etwas fon den Geld überik aber es hat kein werth aber er hat eine gute Golde[ne] Uhr verlaßen  wo ich bei der ersten gelegen[heit] zu Euch schiken werd u[nd] wen[n] ich etwas for den Geld bekomme so wirde ich es anzeugen  den letzten Brief wo er an Euch schreibte ist erst Tage for seinem Todt gewessen das geschäft wo er hier für mich besorgt hat war es zu i[h]m wie sein eigenes u[nd] hatte alles besorgt für mich wie ein Mann und wir hatten dasselbe gethan für i[h]n alles was man an Menschen thun kann um in das Leben zu halten haben wir gethan aber es war Gottes willen der Beny Selik er war nur Zufrieden das er bei seine Schwester u[nd] meine Eltern warn so das er gut behandel[t] worden ist u[nd] Ihr Liebe Schwieger Eltern dirft Euch keine schulde geben ob an Beny selich gut behandel[t] u[nd] nicht ab gegangen ist wie Sich alle Eltern [...]  thun zum beispil wie meine Eltern wo auch ein Sohn Herz der in Kalifo[r]nien gestorben ist unter fremden Leute[n] u[nd] wir haben nicht einmal mit einen dring  Wasser leisten können.
Liebe Eltern [...]  ich hatte alles gethan wo er noch am Leben war um seine Gesundheit zu halten u[nd] weil er leider todt ist will ich auch alles thun der Beny selich hat sprechen könn bis auf der lezten Minut wie es so weid kam an sterben so hat er uns gerufen [...]  u[nd] er hat mit uns Schema Israel  gesagt u[nd] dan war er todt.
Liebe Schwiger Eltern was mich anbelangt sind wir alle Gott lob alle gesund u[nd] hoffe daselbe fon Euch alle ich schreibe den Brief das mein Frau nicht dafon weiß darum kann sie nicht schreiben u[nd] ihr müß sie entschuldigen weil sie nicht schreibt es wiel gar nicht aus ihrem Kopf kommen wegen die Lieben Eltern wen sie es wissen meine Eltern u[nd] Geschwister sind alle Gott lob gesund u[nd] grüße Euch alle hoffe bald Antwort fon Euch
Euer Treuer Tochter Mann
Moses Kaufmann

 

Quellen: Stadtarchiv Schwäbisch Hall 29/456 Schr. /5 und /10

 

Abbildung: Ausschnitt aus einer Skizze des Grabsteins von Benny Mittelberger in 29/456

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