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ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Carl Schmidt

1862 - Tod auf einem Schlachtfeld in Virginia

Nachlaßakten im Haller Stadtarchiv und wenige amerikanische Dokumente berichten über den Lebensweg eines Hallers, der aus der Kocherstadt auf ein Schlachtfeld in Virginia führte. Carl Schmidt wurde am 1. Oktober 1818 als zweites von sieben Kindern des Salinenzimmermanns Johann David Schmidt geboren und in St. Michael getauft. Er erlernte das Handwerk eines Gold- und Silberarbeiters. Als Württemberg in den 1850er Jahren von einer schweren Wirtschaftskrise heimgesucht wurde, entschloß er sich viele andere Deutsche zur Auswanderung in die USA. 1853 trat er im überfüllten Zwischendeck eines Auswandererschiffs die Reise über den Atlantik an.
 
Wie viele Auswanderer und rund 80 andere Haller ließ sich Schmidt wohl im Staat New York nieder. Teile der City waren fest in deutscher Hand und geprägt von „Biergärten, Kegelbahnen und deutschen Vereinen” - mit ihrem Hafen und der viele Arbeitsplätze bietenden Industrie war die Stadt für viele die erste Station in der neuen Welt. Über das Leben Schmidts dort ist nichts bekannt, der Kontakt nach Deutschland brach komplett ab. Eine Familie scheint er nicht gegründet zu haben. Die USA waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein wirtschaftlich, politisch und kulturell zutiefst gespaltenes Land: hier die Südstaaten mit ihrer auf Sklavenarbeit beruhenden Plantagenwirtschaft, dort der sich zu einer modernen Industriegesellschaft formende Norden. Die Spaltung der bislang dominierenden „Demokraten“ durch die Sklavenfrage ermöglichte 1860 die Wahl Abraham Lincolns, Kandidat der nordstaatlichen „Republikaner”, zum US-Präsidenten. Daraufhin traten die meisten der sklavenhaltenden Staaten aus der Union aus bildeten einen eigenen Staat. Am 12. April 1861 brach der Bürgerkrieg offen aus. Rund 300.000 der 4,5 Mio. Soldaten des Krieges waren deutschstämmig; sie kämpften weitestgehend für die Union, für die Niederschlagung der „Rebellion“.

Am 5. September 1861 trat der 43jährige Carl Schmidt in das „54. New York Volunteer Regiment“ ein. Seine Motive kennen wir nicht: Es könnte die weitverbreitete patriotischer Begeisterung für die neue Heimat und Empörung über Rebellion, „Entweihung der Fahne“ oder Sklaverei, oder aber auch die Flucht aus einer sozialen Notlage gewesen sein. Das ausschließlich aus Deutschen bestehende Regiment war im Sommer 1861 in New York auf eine Privatinitiative hin aufgestellt, ausgerüstet und bewaffnet worden – angesichts der überforderten Heeresorganisation des Nordens ein typischer Vorgang. Erst im Oktober 1861 wurde es offiziell Teil der US-Armee. Die Soldaten hatten sich für drei Jahre freiwillig verpflichtet, die Offiziere wurden anfangs gewählt. Statt des üblichen Blau erhielten die Soldaten die schwarz-silbernen Uniformen des berühmten Freikorps Lützow der Befreiungskriege gegen Napoleon. Die deshalb so genannten „Schwarzen Jäger” führten zeitweilig sogar die schwarze Flagge des Freikorps mit Totenkopf und gekreuzten Knochen - man sah sich offenbar in dessen Tradition im Kampf gegen Tyrannei und Unterdrückung. Nach einer halbjährigen Ausbildung kam im April 1862 der Marsch in das Kampfgebiet in Virginia. Bereits die Überquerung des Hochwasser führenden Shenandoah per Floß erwies sich als äußerst gefährlich. Am 8. Juni 1862 erlebte das Regiment bei Cross Keys seine erste Schlacht; es verlor zwei Tote und vier Verwundete. In diesem Feldzug hatten die „Rebellen” unter General Thomas J. „Stonewall” Jackson drei doppelt so starke Unionsarmeen ausmanövriert und besiegt.

Die „Jäger“ wurden anschließend der Virginia-Armee unter John Pope zugeteilt. Mit Carl Schurz als Divisions- und Franz Sigel als Korpskommandeur unterstanden sie zwei in die USA emigrierten Führern der deutschen Revolution von 1848. Der Alltag der Soldaten bestand vor allem in zermürbenden Märschen auf meist schlechten Wegen und dem Leben in überfüllten, verseuchten Lagern, in denen Typhus, Cholera und Ruhr grassierten - auf einem im Kampf getöteten Soldaten kamen zwei, die an Krankheiten starben. Schlechte Verpflegung sowie miserable Uniformen und Stiefel gaben viel Grund zu Klagen. Das Kampfgebiet hatte sich nach einem vergeblichen Vorstoß auf die Südstaaten-Hauptstadt Richmond nach Norden in die Nähe des Potomac verlagert. Nach kleineren Gefechten im August 1862, bei denen auch die „Schwarzen Jäger” zum Einsatz kamen, stießen 22.000 „Rebellen“ unter General Jackson in den Rücken der „Yankees“ und plünderten deren Nachschub. Aufgrund eines unbeschreiblichen, durch Feindschaften zwischen den Generälen verstärkten Chaos konnte Pope gegen den am 28. August bei Manassas gestellten Gegner nur 32.000 Mann einsetzen; weitere 30.000 in unmittelbarer Nähe blieben tatenlos. Grobe Führungsfehler verschlechterten die Lage auf dem Kampffeld - im Jahr zuvor bereits Schauplatz einer Niederlage der Union - weiter.

Am 29. August 1862 um 6:30 Uhr morgens begannen die „Schwarzen Jäger” den Angriff auf die hinter einem Bahndamm bestens geschützten und von einem ihrer fähigsten Generäle geführten „Rebellen”. Sie gerieten sofort in schweres Abwehrfeuer. Die Angriffe brachen unter schweren Verlusten zusammen; zeitweilig mußte sich das Regiment alleine gegen weit überlegene Feindtruppen wehren und viele Tote und Verwundete zurücklassen - darunter auch Carl Schmidt. Die sinnlosen Attacken gingen weiter, bis die Südstaatler - mit ihrer inzwischen eingetroffenen Hauptarmee unter Robert E. Lee - am folgenden Tag in einem massierten Gegenangriff in die Flanke der Unionstruppen stießen und sie zu einem fluchtartigen Rückzug zwangen. Der Widerstand der Nachhut aus Schurz’ Division ermöglichte der das Entkommen hinter die Befestigungen Washingtons. Die Union beklagte 25.416 Tote, Verwundete und Vermißte, die „Rebellen” 9.197; die Verluste der „Schwarzen Jäger” waren mit 161 von rund 800 die schlimmsten ihrer Geschichte, obwohl sie 1863 noch das Blutbad von Gettysburg erlebten.

Carl Schmidt, eines der vielen Opfer der Schlacht, liegt heute wahrscheinlich auf dem Heldenfriedhof Arlington, wo man die zunächst an Ort und Stelle verscharrten Opfer beider Seiten nach dem Krieg in Massengräbern beisetzte. Seine Geschwister in Deutschland, die - wie sein Schwager schrieb - geglaubt hatten, er habe „sein Glück in Amerika gemacht“, erfuhren erst 1866 von seinem Tod.

Text: Daniel Stihler, Stadtarchiv Schwäbisch Hall

 

Foto: Unionssoldaten in einem Schützengraben vor einem Angriff. Foto: US National Archives And Records Adminstration 524576 / 111-B-157

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