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IMMIGRATION / EMIGRATION -

ABENTEUER SEIT HUNDERTEN VON JAHREN

Ernst und Rosine Butz

1881 - zwei Kinder wandern nach Amerika aus

Ernst Butz (geb. 1867) und seine Schwester Rosine (geb. 1871) waren Kinder des Branntweinbrenners und Wirtschaftspächters Ludwig Butz in Schwäbisch Hall. Ihre Mutter Margarethe geb. Retter hatte vor der Eheschließung einige Jahre in den USA gelebt und war dort mit einem „gewissen Pfeiffer“ verheiratet gewesen, aber nach dem Tode ihres Ehemannes mit der in Baltimore (Ohio) geborenen Tochter Maria nach Deutschland zurückgekehrt. Sie ist damit ein Beispiel für Rückwanderer, die es in geringer, aber doch feststellbarer Zahl gegeben hat. Als Ludwig Butz 1875 starb, heiratete sie in dritter Ehe den Taglöhner Michael Bauer, starb aber 1879.

Die beiden Waisen Ernst und Rosine lebten zunächst bei verschiedenen Pflegeeltern in Schwäbisch Hall und reisten 1881 auf Einladung ihrer Tante väterlicherseits, die mit dem wohlhabenden Konditor Heisel in Cleveland (Ohio) verheiratet war und selbst keine Kinder hatte, in die USA. Die erhaltene Abrechnung weist Reisekosten von insgesamt 30 Mark aus.

Zwei Briefe der beiden Auswanderer haben sich in den Pflegschaftsakten erhalten. Der erste Brief Ernsts an seine Verwandten in Schwäbisch Hall schildert die Reise per Bahn und Schiff, der zweite Eindrücke aus dem am Eriesee gelegenen Cleveland, das sich in dieser Zeit rapide zu einem industriellen Zentrum entwickelte und 1880 schon 160.146 Einwohner hatte.

Ihre Halbschwester Maria folgte ihnen – wie ihm zweiten Brief schon angedeutet - 1883 nach Cleveland. Da Ernst Butz nicht formell ausgewandert war (d.h. er hatte nicht auf die württembergische Staatsangehörigkeit verzichtet), unterlag er noch der Wehrpflicht, der er aber von den USA aus natürlich nicht nachkam. Deshalb wurde sein Anteil am mütterlichen Erbe 1890 beschlagnahmt und eingezogen. Ernsts weiterer Verbleib ist unbekannt – es existiert nur noch ein undatiertes Brieffragment mit der Unterschrift „Ernest Butz“ und einer Anschrift in Cleveland. Rosine hingegen meldete sich, nachdem sie einige Jahre als „verschollen“ gegolten hatte und für tot erklärt werden sollte, und erhielt ihren Anteil am von ihren Großeltern mütterlicherseits stammenden Vermögen von 144,95 Mark in die USA überwiesen. 1902, zum Zeitpunkt dieser Transaktion, lebte sie in Chikago (Illinois) und war mit Frank J. Heine verheiratet. Ihr weiteres Schicksal in den USA ist unbekannt.

Dokument 1: Brief von Ernst Butz aus Cleveland vom 27. September 1881

Cleveland 27 Sept[ember] 1881
Liebe Tante und Onkel ich will ein paar Zeilen schreiben, daß Ihr wüßt, daß wir da sind und daß es uns bei unserer Tante und Onkel sehr gut gefällt. Wir kamen am 22ten des Monats in Cleveland an doch es war schon Nacht. Als wir ausgestiegen waren schauten wir sich um und da standen schon unsere Tante und Onkel und als Sie uns sah fragte Sie uns zu wem wir wollten da sagten wir zu unserer Tante, auf dies fragte uns unsere Tante wie sie heiße dann sagten wir Heisel unser Onkel war auch auf dem Bahnhof und dann nahmen Sie uns bei der Hand und nahmen uns mit, wir fuhren dann mit der Pferdebahn bis ans Haus wo unsere Tante und Onkel wohnt. Nun waren wir froh, daß wir da waren. Ich bedanke mich daß Ihr uns so geholfen habt Gott möchte Euch dafür Gesundheit schenken. Wir dachten auf der Reise wenn wir nur schon dort wären in Mannheim kamen wir Mittags an und am anderen Morgen giengen wir weiter mit dem Dampfschiff von Morgen halb sechs Uhr an bis Abends 8 Uhr dann steigten wir aus in Köln da wurden wir abgeholt von dem Wirth am andern Morgen giengen wir weiter mit der Bahn bis Abends 4 Uhr waren wir in Bremen. Am Mittwoch fuhren wier 2 Stunden noch mit der Bahn in den Bremerhafen wo die Schiffe waren, dann steigten wir ein in den Dampfer Herman dieses Schiff war auch ganz voll dann fuhren wir ab und brauchten 14 Tage bis wir in Baltimor[e], wir hatten drei Tage lang die Zehrkrankheit  und mußten sich immer brechen. Von Baltimore an mußten wir eine ganze Nacht und einen ganzen Tag noch fahren bis wir in Cleveland waren.
Viele Grüße an alle Bekannte besonders an Euch. Auch viele Grüße von der Rosalie.
Besonders auch viele Grüße von unserer Tante und Onkel. Viele Grüße an die Frau Metzger und Ihre Kinder ich wünsche Ihr auch Glück wie wir haben. Auch viele Grüße an unseren Onkel Wilhelm und seine Kinder. Auch viele Grüße an die Marie.
Ich will mein Schreiben schließen mit vielen Grüßen von mir und der Rosalie.
Auch viele Grüße von unserer Tante und Onkel.
Ich verbleibe Euch, euer liebender Neffe

Dokument  2: Brief von Ernst Butz aus Cleveland vom 17. April 1882

Cleveland, 17. April 1882
Liebe Tante und Onkel und Maria, ich will nun ein paar Zeilen an Euch richten, daß ihr wüßt, daß wir Euren Brief erhalten haben. Liebe Maria sei nur getrost und voll Zuversicht denn du wirst auch noch nach Amerika kommen. Ich will nun Euch einige Vorstellungen geben von Cleveland. In Cleveland ist eine der schönsten Straße[n] von der Welt. In dieser schönen Straße mit Namen Onglid  in deutsch Inglid stehen Häuser welche man in Deutschland nur bei Fürsten und Könige[n] findet, Es sind Häuser in der Straße, welche ich vorhin angeführt habe, wo auf eine halbe millon Thaler kommen! Keine Mark, sondern Thaler  (vier Mark ist ein Thaler). In Cleveland sind Straßen, welche so lang sind, daß man in eine solche Straße die Häuser von ganz Hall und noch Steinbach mit all ihrem Sach hineinsetzen könnte. Wenn Ihr es nicht glaubet, so kommt nur und sehet es. Denn Ihr wüßt daß ich Euch nicht anlüge. Unser Onkel und Tante haben 5 Pferde und zwei Hunde (In englisch 5 horse and two dogs).
In der Woodland  wo unsere Tante und Onkel und wir wohnen sind zwei Pferdebahnen auf der einen Seite gehen sie hinein in die Stadt und auf der anderen Seite heraus. Und in den anderen Straßen sind auch überall Pferdebahnen. Man kann überall hinfahren mit der Straßenbahn wo man hin will. Ihr müsst kommen und es sehen, ich kann es Euch nicht deutlicher erklären. Ich habe schon lauter englische Bücher, ich kann auch schon englisch lesen und verstehen. Hier in Cleveland sind Straßen welche, wenn man sie von dem einen Ende zu dem andern laufen wollte man eine ganze Stunde bräuchte. Aber alles noch in der Stadt. Nun will ich mein Schreiben schließen mit dem Bewusstsein das ihr alle gesund seid. Uns gefällt es sehr gut. Viele Grüße von uns allen an alle Bekannte. Besonders auch viele Grüße von unserer Tante und Onkel, von mir und der Rose an Euch allen, besonders auch an Herrn Gunzert .
Ich entschuldige mich auch weil ich so lange nicht geschrieben habe. Was macht das Rickele und der Johannle sind sie alle gesund? Wir wünschen Euch nachträglich allen glückliche Ostern gehabt zu haben.
Was macht die Frau Maß?
Wir haben den Winter nicht viel Schnee gehabt das machts weil wir hier sind vielleicht, Euer treuer Freund und Freundin Ernst und Rose Butz.

Quelle: Stadtarchiv Schwäbisch Hall 38/69

Abbildung: Ansicht von Cleveland (Ohio) aus der Vogelperspektive. Lithographie von C.H. Vogt & Son, 1887, Library of Congress, g4084c pm006890

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